Von Youssef Kanjou und Oula Mahfouz
In der Tübinger Universitätsbibliothek wird eine der ältesten und wichtigsten Handschriften des Korans aufbewahrt, also der heiligen Schrift des Islam, die als Offenbarung Gottes an den Propheten Muhammad verstanden wird. Welche Bedeutung diese Handschrift in der Überlieferung hat und wie sie ausgerechnet nach Tübingen kam, soll in diesem Artikel dargelegt werden. Zunächst soll es aber um die Entstehung des Koran gehen.
Schrittweise Offenbarung des Inhalts
Die Geschichte des Korans beginnt im Jahr 610 n. Chr. in Mekka. Nach der Überlieferung soll der Prophet Muhammad sich regelmäßig zur Andacht in die Höhle Hira am Berg Dschabal an-Nur zurückgezogen haben. Dort sei ihm der Engel Gabriel erschienen und habe die ersten Verse des Korans offenbart. Der Koran wurde nach der Überlieferung nicht auf einmal offenbart, sondern über einen Zeitraum von etwa 23 Jahren. Diese Zeitspanne begann, als der Prophet etwa 40 Jahre alt war, und endete mit seinem Tod im Alter von 63 Jahren. Aus islamischer Sicht hatte diese schrittweise Offenbarung mehrere Funktionen. Dazu gehören die Unterstützung des Propheten, die langsame Einführung religiöser Inhalte für die Gläubigen sowie die Erleichterung des Auswendiglernens und der praktischen Umsetzung der Lehren.

Mündliche und schriftliche Überlieferung
Islamhistoriker berichten übereinstimmend über die Weitergabe des Koran in der frühen Zeit des Islam: Demnach wurde er bereits zu Lebzeiten des Propheten Muhammad sowohl mündlich als auch schriftlich überliefert. Viele seiner Gefährten lernten die offenbarten Verse auswendig und gaben sie weiter. Gleichzeitig soll der Prophet großen Wert darauf gelegt haben, die Offenbarungen schriftlich festzuhalten. Wann genau mit der schriftlichen Überlieferungspraxis begonnen wurde, ist in der Forschung umstritten. Da es damals kein Papier im heutigen Sinne gab, wurden die Texte auf verschiedenen Materialien festgehalten, darunter Pergament, Tierknochen (vor allem Schulterblätter), Holztafeln und flache Steine. So entstand eine enge Verbindung zwischen mündlicher Überlieferung und schriftlicher Dokumentation.
Vereinheitlichung des Korans nach dem Tod Muhammads
Nach dem Tod des Propheten Muhammad kam es zur Schlacht von Yamama, bei der viele seiner Gefährten, die den Koran auswendig kannten, ums Leben kamen. Aus Sorge um den möglichen Verlust von Teilen der Überlieferung schlug Umar ibn al-Chattab dem damaligen Kalifen Abu Bakr vor, den Koran in einer einheitlichen schriftlichen Sammlung zusammenzufassen. Beauftragt wurde damit Zaid ibn Thabit, ein ehemaliger Schreiber des Propheten. Der sammelte und überprüfte alle vorhandenen Korantexte und stellte sie erstmals schriftlich zusammen. Unter dem dritten Kalifen Uthman ibn Affan (644 bis 656 n. Chr.), wurden auf Grundlage dieser Sammlung mehrere einheitliche Abschriften erstellt und in verschiedene Regionen des islamischen Reiches geschickt. Damit sollte sichergestellt werden, dass der Koran überall in derselben Form gelesen wird.
Die drei ältesten erhaltenen Handschriften
Einige sehr frühe Abschriften sind bis heute erhalten geblieben. Zu den bekanntesten gehören drei, die in der Forschung häufig in chronologischer Reihenfolge genannt werden: Die älteste ist die sogenannte Birmingham-Handschrift, gefolgt von der Tübinger Koranhandschrift und der Sana’a-Handschrift. Diese frühen Manuskripte zeigen große Übereinstimmungen im Korantext und werden in der Forschung häufig als Hinweise auf eine frühe Fixierung der Überlieferung betrachtet.

Warum ausgerechnet Tübingen?
Die Universitätsbibliothek Tübingen erwarb die Handschrift im Jahr 1864 als Teil der Privatsammlung des preußischen Konsuls in Damaskus, Johann Gottfried Wetzstein. Dieser Diplomat war zugleich ausgebildeter Orientalist und sammelte islamische Handschriften. Die Koranhandschrift wurde über ein Jahrhundert lang im Archiv der Bibliothek aufbewahrt, ohne dass ihr tatsächliches Alter bekannt war.
Sie wurde im Rahmen eines großen internationalen Projekts namens „Coranica“ mit der naturwissenschaftlichen Radiocarbonmethode an der ETH Zürich untersucht. Ziel des Projekts war es, die Geschichte des Korantextes anhand früher Handschriften zu erforschen. Die Untersuchungsergebnisse zeigten, dass das für die Tübinger Handschrift verwendete Pergament mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent aus dem Zeitraum zwischen 649 und 675 n. Chr. stammt. Das bedeutet, dass diese Seiten kurz nach dem Tod des Propheten Muhammad (632 n. Chr.) entstanden sind, also etwa 20 bis 40 Jahre danach.
Alte Schrift auf Pergament
Der Text wurde auf Pergament aus Tierhaut in einer sehr frühen arabischen Schrift verfasst, die eine Übergangsphase zur frühen Kufi-Schrift darstellt und meist der Gruppe der Hijazi-Schriften zugeordnet wird. Diese Schrift zeichnet sich durch schräg gestellte und langgezogene Buchstaben aus und enthält weder diakritische Hilfszeichen noch Vokalisierungszeichen, wie sie heute zur Unterscheidung der Buchstaben und zur Lesesicherung verwendet werden.
Die Birmingham-Handschrift gilt als noch älter als die Tübinger und wird auf die Zeit vor 645 n. Chr. datiert. Die Sana’a-Handschrift, die 1972 bei der Restaurierung der Großen Moschee in Sana’a entdeckt wurde, gilt als einer der bedeutendsten islamischen archäologischen Funde der Neuzeit. Untersuchungen haben gezeigt, dass die unterste Schicht des Manuskripts auf die Zeit vor dem Jahr 671 n. Chr. zurückgeht. Das Besondere an diesem Manuskript ist, dass es sich um ein Palimpsest handelt: Ein älterer Text wurde entfernt und durch einen anderen Korantext ersetzt. Dies liefert wichtiges wissenschaftliches Material für die Erforschung der Geschichte der Koranschrift.
Tübinger Handschrift ist online zugänglich
Die Tübinger Handschrift (Signatur Ma VI 165) gehört zu einer Sammlung von mehr als 20 Koranhandschriften im Bestand der Universitätsbibliothek Tübingen. Sie enthält Teile der Koransuren von Sure al-Isra (17) bis Sure Yasin (36). Die Universitätsbibliothek Tübingen hat die Handschrift vollständig digitalisiert und sie Forschern sowie der Öffentlichkeit in hoher Auflösung online zugänglich gemacht.
Alle Seiten können über den offiziellen Link der Bibliothek eingesehen werden:
https://opendigi.ub.uni-tuebingen.de/opendigi/MaVI165#p=11
Weitere Informationen:
https://uni-tuebingen.de/newsfullview-landingpage/article/raritaet-entdeckt-koranhandschrift-stammt-aus-der-fruehzeit-des-islam/
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