Die meisten Archäologen, die sich mit den vorgeschichtlichen Epochen der Menschheitsgeschichte in Europa befassen, gehen heute davon aus, dass es in den frühen Vorstößen des modernen Menschen (Homo sapiens) nach Europa während der Altsteinzeit seit 45.000 Jahren vor heute keine Gewalt zwischen Gruppen oder kriegerische Konflikte gab. Zumindest gibt es dafür bisher keinerlei archäologische Nachweise. Während und zwischen den Eiszeiten lebten die Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen in riesigen unbewohnten Landschaften mit einer extrem niedrigen Bevölkerungsdichte. Ihre Waffen dienten der Jagd, mit ihnen konnte man auch Menschen töten, jedoch finden sich keine technologischen Weiterentwicklungen zur Verwendung als Waffen in Gruppenkämpfen. Damit werden ältere Theorien abgelöst, die davon ausgehen, dass Gewalt und Krieg die menschliche Evolution und Urgeschichte von Anfang an begleitet haben.
Youssef Kanjou hat in seiner Recherche für tünews INTERNATIONAL herausgearbeitet, dass im Nahen Osten seit etwa 7.500 Jahren sich durch Knochenfunde eine deutliche Zunahme an Gewalt feststellen lässt (siehe tun26011306). „Diese Konflikte scheinen vor allem aus Auseinandersetzungen um Wasserressourcen, fruchtbares Ackerland und bedeutende Handelswege entstanden zu sein“, schreibt Kanjou und sieht diesen Wandel im Zusammenhang mit der Etablierung der Landwirtschaft, der Sesshaftigkeit in ständigen Siedlungen bis hin zu ersten Tendenzen einer Urbanisierung.
Nach der friedlichen Eiszeit: Landwirtschaft und Gewalt aus dem Osten
Etwa vor 7.500 Jahren beginnt auch eine gewaltige Migrationswelle mit schneller Ausbreitung von Bauern aus dem heutigen Anatolien auf der Balkanroute Richtung Europa, die man mit dem Motto “Go West” wie im Nordamerika des 19. Jahrhunderts charakterisieren könnte. Gab ein Territorium keinen Ertrag mehr her, wurde die Bevölkerungsdichte zu hoch, um alle ernähren zu können, wurde weitergezogen. Der deutsche Archäologe Harald Meller stellt fest, dass durch die höheren Bevölkerungszahlen und einer Klimaveränderung durch große Trockenheit und damit Ernteausfällen die friedlichen Zeiten endeten. “Die Erfindung des Privateigentums scheint Pate bei der Geburt des Krieges gestanden zu haben,” resümiert der deutsche Archäologe Harald Meller und erklärt damit die Entwicklung von gewaltsamen Auseinandersetzungen nach dem Entstehen von Landwirtschaft und Sesshaftigkeit.
Bestätigung erhalten diese neueren Erkenntnisse der Archäologie auch von Ergebnissen der ethnographischen Forschung. Diese zeigen, dass nomadische Jäger und Sammler das Konzept von Eigentum ablehnen. Stattdessen ist das Teilen von Jagdbeute und Nahrung vorherrschend. Eigentum wird als Affront gegen die menschliche Solidarität angesehen.

Foto: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart.
Erste Massaker in der Kultur der Bandkeramiker
Archäologische Funde belegen regelrechte Massaker, die sich an vier Fundorten im heutigen deutschsprachigen Raum, aber auch in West- und Südeuropa nachweisen lassen. In Talheim in der Nähe von Heilbronn wurde ein Massengrab mit 34 Individuen ausgegraben, die mit steinernen Hacken erschlagen und planlos in eine Grube geworfen worden waren: Männer, Frauen, Kinder, Heranwachsende, die sich genetisch vier Familien zuordnen lassen. Die Funde, die auf etwa 7.000 Jahre vor heute datiert sind, zeigen eine exzessive Gewalt, gegenüber Menschen auf der Flucht durch mehrfache Schläge von hinten. In Asparn-Schletz in Niederösterreich fand man rund 200 Menschen, die im Nahkampf mit steinernen und hölzernen Waffen getötet wurden. Unter den Toten, die liegen gelassen wurden und Spuren von Tierbissen aufweisen, fehlen junge Frauen. Schließlich wurden noch zwei weitere Massengräber in Hessen und Sachsen-Anhalt entdeckt, die auch keine weiblichen Opfer enthalten.
Diese vier Fälle gehören alle zur Kultur der Bandkeramik, als diese ihre höchste Bevölkerungsdichte erreichte. Sie ist die älteste bäuerliche Kultur in Mitteleuropa, benannt nach ihren charakteristischen keramischen Gefäße, die ein Bandmuster aus wellenförmigen Linien aufweisen. Die Massaker werden als gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Stammesverbünden oder Dorfgemeinschaften interpretiert, die Funde von Talheim werden als möglicher Überfall oder eine Racheaktion gesehen. In den drei übrigen überlebten offenbar die heiratsfähigen Frauen wurden vielleicht entführt.
Männerdominanz und Frauenraub
Archäologen schließen weiter aus den Funden, dass in den agrarischen Gemeinschaften der Jungsteinzeit sich eine klare Männerdominanz herausbildete, der Besitz wurde in männlicher Linie vererbt. Die Frauen kamen oft aus anderen Gemeinschaften, wie die an Knochen gewonnenen genetischen Erkenntnisse zeigen. Für die Expansion der Bauern nach Europa hinein entwickelte sich eine aggressive Pioniermentalität. Aus Nachbarn und Kooperationspartnern konnten leicht durch Anhäufung von Besitz Feinde werden. Gewalt wurde zur Gewohnheit, auf Gewalt wurde mit Gegengewalt reagiert: Blutrache wurde zur sozialen Norm.
Häufiger Frauenmangel wurde verursacht durch Polygamie bei den höher gestellten Männern, durch häufigere sterbliche Schwangerschaften als bei den früheren Nomaden, durch eine höhere Arbeitsbelastung in der Landwirtschaft und epidemische Seuchen infolge des nahen Zusammenlebens mit Tieren. Kriegszüge zur Eroberung von Frauen in anderen Dorfgemeinschaften boten sich als Lösung an. Harald Meller resümiert: “Männer werden getötet, Frauen und Kinder geraubt, das wird zum schrecklichen Grundmuster der Kriege.” Es gibt Kämpfe Siedlung gegen Siedlung, Stamm gegen Stamm, eine höhere Autorität zur Eindämmung von Gewalt gibt es noch nicht. Die Gefahr überfallen zu werden, zwingt auch zu Präventivüberfällen.

Befestigungen zur Verteidigung
Vor 7.000 Jahren tauchen erste Schutzwälle auf, sogenannte Erdwerke, die teilweise mit Palisaden versehen werden. Komplexe Befestigungsanlagen mit Doppelpalisaden und mehreren Verteidigungsringen entstehen vor 6.000 Jahren. Siedlungen werden oft auf Höhen errichtet, deren steile Abhänge nach mehreren Seiten Schutz bieten, so dass die Befestigung nicht ringsum erfolgen musste. Dass es zu kämpferischen Auseinandersetzungen in und um solche Anlagen kam, belegen oft mehrere Hundert Pfeilspitzen, die dort gefunden wurden.
Im sechsten Jahrtausend vor heute lassen sich schließlich regelrechte Eroberungsfeldzüge nachweisen, durch die ganze Kulturen untergehen. So eroberten die sogenannten “Trichterbecherleute”, ehemalige Jäger und Sammler, die sich nach Norden zurückgezogen und dort zu Bauern geworden waren, das Gebiet der bäuerlichen “Linearbandkeramiker”, deren Kultur dann ganz verschwand. Beide Kulturen stellen genetisch völlig verschiedene Gruppen dar.
Heroisierung von Kriegern
Im Übergang von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit entsteht nach den Erkenntnissen der modernen Archäologie eine ganz neue Qualität des Krieges: die Invasion der sogenannten “Schnurkeramiker”, von Steppenreitern, aus Zentralasien nach Europa führt zu einer Professionalisierung und “Heroisierung der Gewalt”. Ihre Waffen zeigen eine technologische Überlegenheit, es werden Streitäxte, Dolche und perfektionierte Bogen entwickelt, die höhere Geschwindigkeit der Pfeile erlauben. In ihrer Kultur finden sich Heldengräber für professionelle Krieger mit einer Überausstattung an Waffen. Es werden monumentalere Bauten als früher errichtet, die nicht nur der Abschreckung und Verteidigung dienen, sondern auch soziale Hierarchien repräsentieren. Die Entwicklung geht weiter Richtung Städtebau und die Bildung von größeren Zusammenschlüssen in Reichen und damit zu staatlich organisierten Kriegen.
Dieser Beitrag stützt sich ganz wesentlich auf das aktuelle Standardwerk: Harald Meller u.a.: “Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte.” München 2024, insbesondere Seiten 133 bis 236.
Weitere Informationen:
Europas Jungsteinzeit: Hunderte wurden erschlagen, zerteilt und entfleischt – WELT
Tatort Steinzeit Achtung: dieser Terra X-Film enthält nachgespielte Szenen von Gewalt, die verstörend wirken können.
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Von Michael Seifert
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