Iran-Expertin Raha Bahreini von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert die „massenhaften, rechtswidrigen Tötungen, um jeglichen Widerstand auszulöschen und die Protestierenden zum Schweigen zu bringen“. Ein Iraner aus Südwestdeutschland hat bei einem Besuch in seiner ersten Heimat erlebt, wie schnell Unschuldige verdächtigt werden – als „Terroristen und Randalierer“, so der Sprachgebrauch des Regimes. Im Gespräch mit tuenews INTERNATIONAL berichtet er davon und von der Lage im Land.
Reza Moradi (Name geändert) war mehrere Wochen im Iran, unter anderem zu Beginn der Proteste und bei ihrem Höhepunkt am 8. und 9. Januar. Wegen der Luftverschmutzung wollte der Rentner aus Deutschland in einer iranischen Großstadt erst an einem späten Abend ein paar Schritte mit einem nach einem Unfall gehbehinderten 80-Jährigen spazieren gehen.
Auf der Hauptstraße gab es bis gegen 22 Uhr eine Demonstration. Der Kreis-Tübinger hörte Drohnen. Sie kreisen über Protestaktionen, um GegnerInnen des Regimes zu überwachen und zu identifizieren. Plötzlich rasten Motorräder heran. Die Männer darauf schrien unter anderem „Tod den Feinden“. Dann stürmten etwa 20 bis 30 von ihnen mit automatischen Gewehren und Schlagstöcken in die enge Gasse. Sie herrschten Moradi sowie den alten Herrn an: „Seid ihr Terroristen?“
Schwer bewaffnete Milizionäre überlistet
Mit einem Trick konnte Moradi die Schergen des Regimes überlisten. Er sprach nur zum Schein von „diesem gewissenlosen Reza Pahlavi“, dem ältesten Sohn des 1979 gestürzten letzten Schahs. Auf den in den USA lebenden 65-Jährigen setzen viele Menschen im Iran ihre Hoffnungen, ebenso wie IranerInnen im Exil. Dass Augenzeuge Moradi die Basidsch-Milizionäre, eine Unterabteilung der islamischen Revolutionsgarde, auch beschimpfte, hörten sie zum Glück nicht. Einer entschuldigte sich sogar – darauf zog sich das Terrorkommando zurück.
Ein anderes Ereignis wird der Besucher aus Deutschland ebenfalls nicht vergessen. Vor einem Nachbarhaus sah er ein schwarzes Tuch und das Bild eines 43-jährigen Mannes – keine Blumen wie sonst üblich. Den Angehörigen wurde dieser Schmuck verboten. Um den Toten bestatten zu können, musste die Familie ans Regime „etwa 5000 Euro für die Freigabe der Leiche zahlen“. Das hat sie dem Gast erzählt. Es durfte keine Trauerzeremonie geben. Nach der Beerdigung musste die Familie vom Friedhof sofort nach Hause zurückkehren.
Unzählige Tote und Verletzte
Der 43-jährige Mann ist eins von unzähligen Opfern des Regimes. Die Angaben der Menschenrechts-Aktivisten schwanken. Aktuell berichten sie von mindestens 18.000 Toten, das US-amerikanische „Time“-Magazin sogar von 30.000 Getöteten allein an zwei Tagen am 8. und 9. Januar. Nach einer älteren offiziellen staatlichen Verlautbarung soll es rund 3200 Tote gegeben haben. Das Netzwerk HRANA in den USA rechnete außerdem damit, dass rund 27.000 Menschen festgenommen worden seien.
Die Zahlen lassen sich nicht überprüfen – auch weil das Mullah-Regime das Internet hat sperren lassen. Das soziale Netzwerk Instagram ist im Iran ohnehin verboten. „Es gibt keine freie Meinungsäußerung und die Presse – ausschließlich regimetreu – ist voll von Propaganda“, fasst Moradi die Möglichkeit, sich zu informieren, zusammen. Er lebt seit fast 50 Jahren in Deutschland, besucht aber immer wieder Angehörige und Freunde im Iran.
Das Erschrecken über den Tod des Nachbarn steckt dem Besucher aus Deutschland immer noch in den Knochen. Der 43-Jährige wollte nur seine Freundin nach Hause fahren. Dabei musste er „einem Killerkommando in eine enge Gasse ausweichen“. Die Schwerbewaffneten begannen sofort zu schießen. Die Freundin duckte sich. Ihn traf eine Kugel in den Hals. Die Kommandos behaupteten von sich, sie seien „die Retter des Irans“. Die Bevölkerung dagegen nenne sie schlicht „Mörder“. Sie schießen oft gezielt auf den Kopf und den Oberkörper. Das Wort „Mörder“ hat der Mann aus dem Kreis Tübingen bei vertraulichen Gesprächen oft gehört.

Die Inflation sorgt für arme Millionäre
„Ich habe eine der schlimmsten Phasen miterlebt“, sagt Moradi über seinen Besuch im Iran: „Das Regime bringt seine eigene Bevölkerung um.“ Auslöser für die Proteste Ende Dezember 2025 war die miserable wirtschaftliche Lage. Früher habe es im Iran neben Öl auch Touristen gegeben: „Jetzt gibt es nichts mehr.“ Selbst wer einen Zwei-Millionen-Rial-Schein der Zentralbank besitzt, könne dafür „nicht mal einen Hähnchenspieß kaufen“. Wegen der Inflation war dieser Geldschein während des Besuchs nur 1,30 Euro wert. Ein Kilo Hackfleisch kostete zehn Millionen Rial. Nur wirklich Reiche könnten sich das leisten. Den Armen helfen auch staatliche Gutscheine nicht beim Überleben. „Ich nenne die Iraner arme Millionäre.“
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war der Rentner tagelang verstört. Seine Gespräche mit jungen Leuten gehen ihm nicht aus dem Kopf. „Sie wissen ganz genau, warum sie auf die Straße gehen.“ Er sei sich sicher, dass 80 Prozent der Bevölkerung das Regime ablehnen und höchstens 10 Prozent für die Mullahs sind. Alle Versprechen, die Ajatollah Ruholla Chomenei bei der islamischen Revolution 1979 gab, seien gebrochen worden. Der Iran solle ein Paradies mit Freiheit, sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt ohne Korruption werden, so der damalige religiöse und politische Führer. „Es ist millionenfach schlimmer geworden“, sagt Moradi.
Regimetreu, um zu überleben
Der Mann aus Südwestdeutschland kommt leicht mit Leuten ins Gespräch. Bei seinem Besuch im Iran unterhielt er sich mit Menschen an der Kasse im Take-Away-Laden, mit Bankangestellten, mit Polizisten, aber auch mit Mullahs und einem Revolutionsgardisten. Der sagte, er sei abhängig von seinem Beruf und müsse sich deshalb regimetreu zeigen. Das Europäische Parlament fordert aktuell, die Revolutionsgarden als Terrorgruppe einzustufen. „Das hätten sie schon längst machen können“, sagt Moradi. Ob es so kommt, ist offen. Das müssen alle EU-Mitgliedsstaaten unterstützen. Aber einige haben Bedenken.
Die Menschen im Iran protestieren auf ihre Weise. Sie würden sich eine Kultur wie die der Taliban in Afghanistan nicht aufzwingen lassen, ist Moradi überzeugt. Seine Beispiele: Frauen wehrten sich gegen Kopftücher. Manche hielten Hunde, die als unrein gelten. Andere destillierten Alkohol. „So trampeln sie auf der Mullah-Kultur herum“, fasst der Iran-Reisende seine Eindrücke in ein Bild. Die Mullahs hätten zwar gewusst, dass sie Gegner haben. „Aber heute sehen sie die.“
Wunsch nach Freiheit und Sicherheit
Die Opposition in Deutschland gegen das Regime ist ziemlich zersplittert. In Köln riefen sieben iranische Gruppierungen von Monarchisten bis marxistischen Volksmudschahedin zu getrennten Demonstrationen auf. Wie sieht Moradi die Zukunft im Iran? Die Menschen, so sein Eindruck, wollten die Monarchie nicht zurück. Aber sie wünschten sich Freiheit sowie soziale und wirtschaftliche Sicherheit. Ob es je so kommen wird, ist angesichts von roher Gewalt und Massakern unklar. Deshalb fragten einige verzweifelte Iraner den Rentner aus dem Kreis Tübingen, ob er sie mit nach Deutschland nehmen könne.
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zur staatlichen Gewalt im Iran:
https://www.amnesty.de/informieren/laender/iran und
https://www.amnesty.de/aktuell/iran-proteste-gewalt-blutbad-augenzeuginnen-beweise
Über die Schwierigkeiten, Opferzahlen korrekt zu erfassen:
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/iran-proteste-todeszahlen-100.html
Von Ute Kaiser
tun26012601

