27. März 2026

Samstags wird in Tübingen auf Ukrainisch unterrichtet

Samstag, kurz nach 9 Uhr im Tübinger Uhland-Gymnasium: Hefte werden aufgeschlagen, Seiten rascheln und Ukrainisch ist zu hören. Dort ist jeden Samstag die Ukrainische Schule zu Gast. Die LehrerInnen unterrichten Kinder und Jugendliche, die in Tübingen und Umgebung leben.
Pünktlich um 9 Uhr war es im Flur des Gebäudes an der Uhlandstraße noch still. SchülerInnen und LehrerInnen stehen für eine Schweigeminute. „Wir knüpfen damit an die Tradition an, Menschen zu ehren, die ihr Leben für die Ukraine gegeben haben.“ So lernten die Kinder, „sich verbunden zu fühlen mit dem, was in der Ukraine passiert“, sagt Nataliia Skybak, die Gründerin der Ukrainischen Schule in Tübingen.

Wie 2024 alles begann

Die Ukrainische Schule in Tübingen wurde am 13. Juli 2024 gegründet. Die Idee, sagt Skybak, entstand aus einem Bedarf. In Messenger-Gruppen der Ukrainischen Community tauchten immer wieder Fragen auf – wo Kinder Ukrainisch lernen können, wie der Kontakt zur Ukraine bleibt und wie die Sprache nicht verloren geht.
Skybak hatte Erfahrung mit Projektarbeit und wusste, wie sich so eine Initiative offiziell etablieren lässt. Sie reichte eine Projektskizze bei der für Gleichstellung und Integration der Stadt Tübingen zuständigen Stelle ein und sammelte Unterschriften zur Unterstützung. Parallel schloss sich Oksana Ukrainets an und half bei der Kommunikation und Organisation – unter anderem bei der ersten Kontaktaufnahme zur Schulleitung, damit der Unterricht genau hier stattfinden kann, nahe am Hauptbahnhof. Für Familien, die aus dem Umland anreisen, ist das entscheidend: Je kürzer der Weg, desto eher besuchen die Kinder weiterhin die zusätzliche Samstagsschule.

Förderung von der Stadt und Elternbeiträge

Die Stadt unterstützte das Projekt mit jeweils 5000 Euro für das vergangene und das aktuelle Schuljahr. Das reicht nicht aus – deshalb gibt es zusätzlich Elternbeiträge über den Verein: im Vorjahr 10 Euro pro Kind und Monat, in diesem Schuljahr 15 Euro. Aktuell lernen in der Schule rund 80 Kinder. Der Samstagsunterricht geht von 9 bis 13.30 Uhr, eine Unterrichtseinheit dauert 45 Minuten. Wer ein Kind anmeldet, bekommt eine kurze Vereinbarung mit den Regeln der Schule. Darin geht es vor allem um respektvollen Umgang, Verlässlichkeit beim Besuch, Verantwortung der Eltern, sowie organisatorische Punkte – zum Beispiel, wie und wohin der Beitrag überwiesen wird.

Fünf Fächer an einem Vormittag – plus Deutsch

Jeden Samstag werden fünf Fächer unterrichtet: Ukrainisch, ukrainische Literatur, Geschichte der Ukraine, sowie Ethnologie und Musik im Wechsel. Die Ethnologie unterrichtet Gründerin Nataliia Skybak. Zusätzlich steht Deutsch auf dem Stundenplan – gelehrt von ukrainischen PhilologInnen.
Der Grund ist pragmatisch: Viele Kinder, die wegen des Krieges nach Deutschland gekommen sind, starteten in Integrationsklassen, oft ohne systematisch aufgebauten Unterricht. Dadurch entstehen Lücken, die später im Regelunterricht spürbar werden – vom Verstehen der Aufgaben bis zum Schreiben.
Die Schule in Tübingen funktioniert anders als in der Ukraine. „Wir haben Lehrbücher für die Lehrkräfte angeschafft, arbeiten aber auch manchmal digital. Wir können das Programm aus der Ukraine – fünf Tage pro Woche – nicht an einem Tag ersetzen. Deshalb wählen wir die wichtigsten Aspekte aus“, sagt Skybak. Lehrkräfte erstellen Materialien, drucken Arbeitsblätter, bereiten Präsentationen vor und geben Zusatzmaterial zum Anschauen, Anhören und Online-Bearbeiten.

Fünf Gruppen von „Sonnenstrahlen“ bis „Adlerjungen“

Aus Ressourcengründen gibt es fünf Gruppen mit etwa zwei Jahren Abstand. Die Jüngsten heißen „Prominchyky“ (Sonnenstrahlen, 5–6 Jahre); sie haben am Samstag nur drei Unterrichtseinheiten. Danach folgen „Solowejky“ (Nachtigallen, 7–8 Jahre), „Schurawlyky“ (Kraniche, 9–10 Jahre), „Sokoljata“ (Falkenküken, 11–12 Jahre) und „Orljata“ (Adlerjunge, 13+). Diese Namen sind bewusst gewählt. Die „Vögel“ geben den Gruppen Identität – jedes Alter mit eigenem Tempo. Nur die Kleinsten heißen „Sonnenstrahlen“, weil „die Augen leuchten“, wie Skybak erzählt.
Die Pausen dauern 10 bis 15 Minuten. Jeden Samstag übernehmen zwei Elternteile die Aufsicht: Sie achten in den Fluren und im Innenhof auf Ordnung. Für das Team ist das eine Frage von Sicherheit und Verantwortung – und ein Zeichen dafür, dass die Schule auf gemeinsamer Beteiligung beruht.

Nicht Stoff nachholen, sondern Halt geben

„Die Hauptmission unserer Schule ist die harmonische Entwicklung aller ukrainischen Kinder, die in Tübingen und der Region gelandet sind“, sagt Skybak. In 45 Minuten einmal pro Woche könne niemand akademisches Wissen vollständig vermitteln. Der Kern liege woanders: „Wir wecken Liebe zur Ukrainischen Sprache, Literatur, Geschichte, Ethnologie, zum Wissen über die eigenen Wurzeln und Traditionen. Wie kann man etwas lieben, wenn man es nicht kennt?“. Durch Wissen lernten die Kinder und Jugendlichen, sich selbst zu achten – und fühlten sich dann auch sicherer in der deutschen Gesellschaft. Zudem schaffe die Schule eine ukrainische Gemeinschaft.

Unterstützung für das Leben in zwei Systemen

In dieser Gemeinschaft sprechen Kinder über das Leben zwischen zwei Sprachen und zwei Systemen miteinander – über Sprachbarrieren, das Gefühl, „anders“ zu sein, und über Stress in der deutschen Schule. „Dann merken die Kinder: Ich bin nicht allein, ich bin nicht der Einzige. Man soll das nicht verschweigen – man muss darüber sprechen, einander unterstützen und den Kindern helfen, hier zu wachsen, ohne zu vergessen, wer sie sind“, sagt Skybak.
Wie stark dieses Gemeinschaftsgefühl wirkt, zeigen auch Antworten der Kinder auf die Frage, warum sie die Ukrainische Schule besuchen. „Manchmal möchte ich am Samstagmorgen nicht so gern für die Schule aufstehen. Aber wenn ich daran denke, dass dort meine Freunde sein werden, bin ich sofort fröhlicher. Dann mache ich mich schnell fertig und gehe mit Freude zur Schule“, schrieb ein Kind.

Motivation statt Druck und kreative Angebote

Klassische Noten wie in der Ukraine oder in Deutschland gibt es in der Samstagsschule nicht. In den jüngeren Gruppen arbeiten die Lehrkräfte viel mit Lob und kleinen Anerkennungen. In den älteren Gruppen werden Leistungen teilweise intern festgehalten, um den Lernstand im Blick zu behalten – und am Ende des Monats werden Kinder, die besonders aktiv waren, im Kurs hervorgehoben. Prüfungen im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Hausaufgaben werden entweder gar nicht oder nur sehr sparsam gegeben – eher als Empfehlung, etwa zu Hause zu lesen oder einzelne Dinge zu wiederholen. Ziel ist Motivation, nicht zusätzlicher Druck nach einer ohnehin vollen Schulwoche.
Neben dem Unterricht gibt es Veranstaltungen. Zu Weihnachten führten die Kinder einen Vertep (ein Krippenspiel) auf – die Stadt stellte dafür einen Saal zur Verfügung. „Die Kinder treten gern auf der Bühne auf, sie singen gern“, sagt Skybak. Vor Ostern ist ein Workshop zum Pysanka-Malen geplant – ein traditionelles Verfahren zum Verzieren von Ostereiern mit Wachs und Farben, getrennt für Kinder und Eltern. Materialien wie Wachsstifte, Wachs und Farben organisiert die Schule; Eier bringen die Teilnehmenden mit.
Ein besonderer Workshop war das Flechten von Zöpfen: Olena, die Großmutter einer Schülerin und im Friseurhandwerk erfahren, zeigte Kindern und Eltern Haarpflege, Flechttechniken samt dem Einflechten von Bändern und einfache Frisuren – „elementare, aber sehr wichtige praktische Dinge“, wie Skybak sagt. Außerdem gab es auf Initiative von Eltern weitere kreative Angebote: Arbeiten mit Ton, das Bemalen von Gegenständen und Schmuck aus Perlen.

Traditionelle Verfahren zum Verzieren von Ostereiern. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Maryna Stehantsova.

Die größte Herausforderung: Lehrkräfte finden

In der Schule unterrichten acht Lehrkräfte. Skybak sagt: Die größte persönliche Herausforderung war, passende Lehrkräfte zu finden. Gesucht wurde überall – in ukrainischen Messenger-Gruppen, über deutsche Bekannte, über das Jobcenter und über verschiedene Kontakte. Nicht alle, die zunächst zusagten, blieben – die Arbeit mit heterogenen Gruppen sei anspruchsvoll.
Wichtige Unterstützung kam von der Universität: Olena Saikovska von der Fakultät für Slavistik der Universität Tübingen half dabei, zwei Studentinnen zu finden, die heute Ukrainisch unterrichten.

Wer Nataliia Skybak ist

Nataliia Skybak kommt aus der westukrainischen Stadt Truskawez. Sie hat zwei Ausbildungen: Historikerin/Ethnologin und Ökonomin (Bankwesen). Sie arbeitete elf Jahre in einer Bank und anschließend sechseinhalb Jahre in der Stadtentwicklung – als Leiterin eines Entwicklungsbereichs der Stadt Truskawez. Nach Tübingen kam sie im Februar 2023. Heute arbeitet sie bei der Stadtverwaltung im Bereich sozialer Unterstützung. Sie kümmert sich um Aufgaben rund um Wohnraum, den die Stadt bereitstellt.
Skybak lebt in Tübingen mit ihrer jüngeren Tochter, die ebenfalls die ukrainische Schule besucht. Die ältere Tochter studiert in Kyjiw und bleibt dort – trotz regelmäßiger Angriffe und großer Probleme mit Strom und Heizung, sowie häufiger Ausfälle der Wasserversorgung.
Die Gründerin möchte nicht, dass die Schule ein kurzfristiges Projekt bleibt. „Ich würde mir wünschen, dass es prestigeträchtig ist, hier zu lernen – dass Kinder und Eltern gern kommen“, sagt sie. „Das gehe nur über Ergebnisse und darüber, dass Kinder die Schule lieben und mitgestalten.“ Denn die Schule entstehe gemeinsam – durch Lehrkräfte, Eltern und Kinder.

Gründerin der Ukrainischen Schule. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Yana Rudenko.

Wurzeln als Halt in einer Zeit des Umbruchs

Ein Aspekt ist Skybak noch wichtig: „Man kann nicht verstehen, was heute mit dem eigenen Land passiert, wenn man nicht weiß, was früher war. Die Welt ist kompliziert – und es ist eine Zeit großer Umbrüche. Um standzuhalten, braucht es Wurzeln“, sagt sie. In der ukrainischen Samstagsschule in Tübingen werden die Grundlagen dafür jeden Samstag ab 9 Uhr gelegt – zunächst mit Stille, danach mit Sprache und Gemeinschaft: ein Vormittag, der für viele Familien mehr ist als Unterricht.

Die Anmeldung für die Schule erfolgt per E-Mail an ukrschuletuebingen.de@gmail.com.
Weitere Informationen gibt es auf der Facebook-Seite der ukrainischen Schule in Tübingen.

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