30. Juni 2026

Uraltes Ballspiel in Mesoamerika

Fußball gilt als die beliebteste Sportart der Welt und wird von Hunderten Millionen Menschen auf allen Kontinenten ausgeübt. Dennoch sind seine ersten Ursprünge nach wie vor unklar, und wir wissen nicht mit Sicherheit, inwieweit die Völker der Antike diese Sportart in der uns heute bekannten oder ähnlichen Form praktiziert haben.
Für die meisten modernen Sportarten sind frühe Vorformen bekannt, insbesondere in den antiken Zivilisationen, die bereits vor Jahrtausenden sportliche Wettkämpfe erlebten. Bei der Untersuchung archäologischer Funde stoßen wir in Mesoamerika, ein Gebiet vom Süden Nicaraguas bis in den Norden des heutigen US-Bundesstaates Arizona, auf ein altes Spiel, das schlicht als „Ballspiel“ bekannt ist. Dabei handelte es sich weder um Fußball noch um Handball, sondern um eine einzigartige Spielform mit einem Gummiball, das eigenen und sehr speziellen Regeln unterlag.
Dieses Spiel wirft zahlreiche Fragen auf: Wie ist es entstanden? Wie wurde es gespielt? Und welche Rolle spielte es im Leben dieser alten Gesellschaften?
Bemerkenswert ist, dass seine Bedeutung weit über bloße Unterhaltung und sportlichen Wettkampf hinausging, da es eng mit religiösen Ritualen und symbolischen Glaubensvorstellungen verknüpft war. Im Gegensatz zu modernen Sportarten, die mit Sieg oder Niederlage enden, ging es bei einigen Partien dieses Ballspiels um Leben oder Tod – ein Szenario, das an die blutigen Spektakel in den antiken römischen Amphitheatern erinnert.

Start des Ballspiels in Mittelamerika vor 3600 Jahren

Dieses Spiel entstand im 16. Jahrhundert v. Chr. in der Region, die heute den Süden Mexikos, Guatemala und den Großteil Mittelamerikas umfasst, wo entsprechende Spielplätze entdeckt wurden. Die damals vorherrschenden Zivilisationen zeichneten sich durch eine Blütezeit der Künste, der Architektur und der Astronomie aus. Der religiöse Glaube war jedoch der prägendste Aspekt dieser Kulturen: Es gab riesige Tempel, in denen zahlreiche religiöse Rituale, manchmal auch Menschenopfer, vollzogen wurden.
Die Priesterklasse bildete die herrschende und einflussreichste Gruppe der Gesellschaft. Es handelte sich um ein gemeinsames kulturelles System mit vielen lokalen Varianten. Zwischen den Zivilisationen Mesoamerikas, etwa den Olmeken, den Maya und den Azteken, gab es kulturellen Austausch, der auch das Ballspiel betraf. Der amerikanische Kontinent war zu dieser Zeit vollständig vom Rest der Welt isoliert, da er von europäischen und asiatischen Kulturen noch nicht entdeckt worden war. Daher bestand kein kultureller Austausch mit anderen Zivilisationen.
Die Stätte Paso de la Amada gilt als das bislang älteste bekannte Ballspielfeld in Mittelamerika und wird auf etwa 1600 v. Chr. datiert. Der Platz ist etwa 85 Meter lang und zählt zu den größten und bedeutendsten Anlagen seiner Zeit. Sie liegt im äußersten Süden des heutigen Mexiko an der pazifischen Küste.

Die geometrische Form der Spielfelder

Das Ballspiel wurde auf großen, aus Stein errichteten Anlagen ausgeübt. In Mittelamerika wurden mehr als 1300 Spielfelder für dieses Spiel dokumentiert. Diese Anlagen wurden nach einem einheitlichen Grundmuster errichtet, das sich über etwa 2700 Jahre hinweg kaum verändert hat. Rund 60 Prozent dieser Spielfelder wurden erst in den letzten zwanzig Jahren entdeckt.
Trotz großer Unterschiede in der Größe weisen alle Spielfelder eine ähnliche Grundform auf: ein langes, schmales Spielfeld, das von Mauern mit horizontalen und schrägen Oberflächen (in seltenen Fällen auch senkrechten Wänden) begrenzt wird. Während frühe Spielfelder an beiden Enden offen waren, wurden spätere Anlagen an den Enden geschlossen, wodurch sie – von oben betrachtet – die Form eines „I“ erhielten.
Obwohl das Verhältnis zwischen Länge und Breite im Durchschnitt etwa 4:1 beträgt, gibt es erhebliche Unterschiede in den Dimensionen der Spielfelder. Das Spielfeld von Chichén Itzá gilt mit einer Länge von 96,5 Metern und einer Breite von 30 Metern als das größte bekannte, während der Platz in Tikal nur etwa 16 mal 5 Meter misst.

Steinerner Handschuh und sprungkräftiger Gummiball aus Kaminaljuyu, Guatemala. Foto: wikimedia commons / Madman2001.

Im Zentrum: ein sprungkräftiger Gummiball

Der im Spiel verwendete Ball hatte einen Durchmesser zwischen 10 und 22 Zentimeter und wog bis zu etwa 4 Kilogramm, wobei Größe und Gewicht im Laufe der Zeit oder je nach Spielvariante und Spielerkategorie variierten. Er wurde aus Hartgummi hergestellt, und sein Rückprall war das Ergebnis eines Prozesses, der dem „Vulkanisieren von Gummi“ ähnelte. Das ähnelt einem Verfahren, bei dem der Saft des Kautschukbaums mit Mahlgut anderer Pflanzen vermischt wurde, wodurch er elastische Eigenschaften und einen für das Spiel geeigneten Rückprall erhielt. Den ersten Spaniern, die dieses Spiel beobachteten, erschien der Ball wie „verzaubert“, da sie noch nie zuvor einen Gegenstand mit einer solchen Sprungkraft gesehen hatten.

Manchmal gab es Menschenopfer nach dem Spiel: Hier eine Opferungsszene am südlichen Ballspielplatz von El Tajin, Mexiko (um 800). Foto: wikimedia commons / AlejandroLinaresGarcia.

Akrobatisches Spiel mit komplexen Regeln

Die wichtigsten alten Quellen zum mesoamerikanischen Ballspiel sind archäologische Funde und frühe spanische Berichte. Dazu gehören Reliefs, Wandmalereien und Darstellungen in Tempeln der Maya und Azteken, die das Spiel und seine rituelle Bedeutung zeigen. Besonders bedeutend sind die Ballspielplätze in Städten wie Chichén Itzá. Ergänzend liefern spanische Chronisten des 16. Jahrhunderts wertvolle Beschreibungen des Spiels und seiner religiösen Aspekte.
In den meisten Spielvarianten war es verboten, den Ball mit den Händen oder Füßen zu berühren. Stattdessen durfte er – je nach regionalen Regeln – mit den Hüften, Schultern oder Armen gespielt werden. In der gängigsten Variante wurde der Ball vor allem mit den Hüften von einer Seite zur anderen gespielt, mit dem Ziel, ihn innerhalb des Spielfelds ständig in Bewegung zu halten. Eine Mannschaft verlor einen Punkt oder das Spiel, wenn sie den Ball nicht zurückspielen konnte oder dieser das Spielfeld verließ.
Die Spiele wurden zwischen zwei Mannschaften ausgetragen, wobei jede Mannschaft aus etwa zwei bis vier Spielern bestand. Das Spiel war in vielen Fällen äußerst körperbetont und verletzungsreich, da der schwere und harte Ball erhebliche Verletzungen verursachen konnte.
Laut dem Historiker Toribio de Benavente Motolinia, der im 16. Jahrhundert lebte, wurde ein Punkt erzielt, wenn der Ball die gegenüberliegende Wand berührte, während ein endgültiger Sieg erst durch das Durchspielen des Balls durch den Steinring erreicht wurde. Dieses Kunststück war jedoch äußerst selten, da die Ringe in Chichén Itzá hoch und weit vom Spielfeld entfernt angebracht waren. Daher wurden die meisten Spiele nach Punkten entschieden.

Relief mit Ballspielszene aus Toniná, Chiapas, Mexiko: Der Ball muss in Bewegung gehalten werden und wird vielfach mit der Hüfte gespielt. Foto: wikimedia commons / Ymblanter.

Religiöse Rituale mit kosmologischer Bedeutung

Das Ballspiel war weit mehr als nur eine sportliche Aktivität. Es spielte eine bedeutende religiöse und kulturelle Rolle und war eng mit den Weltanschauungen der mittelamerikanischen Gesellschaften verbunden. In einigen Fällen symbolisierte es den Kampf zwischen Licht und Dunkelheit oder zwischen Leben und Tod.
Die großen offiziellen Spiele fanden in einem religiösen und festlichen Rahmen statt. Der sich bewegende Gummiball wurde symbolisch als Darstellung der Bahnen heiliger Himmelskörper wie Sonne, Mond und Venus interpretiert. Man glaubte, dass der Sieger des Spiels den Schutz und die Unterstützung der Götter erhielt.
Das Hauptziel des Spiels bestand darin, den Ball ständig in Bewegung zu halten. Fiel der Ball zu Boden, galt dies als schlechtes Omen. Viele Historiker gehen davon aus, dass der Ball ein Symbol für die Sonne war und dass seine Bewegung auf dem Spielfeld tiefe kosmische und religiöse Bedeutungen hatte. Gleichzeitig wurde das Spiel aber auch informell als Freizeitbeschäftigung ausgeübt, unter anderem von Kindern und teilweise auch von Frauen.

Sport und Freizeit kombiniert mit Religion und Macht

Letztlich zeigt dieses Spiel, dass sich die alten Zivilisationen nicht nur mit Kriegen, Politik und Religion beschäftigten, sondern auch komplexe Sport- und Freizeitaktivitäten entwickelten, auch wenn einige davon mit religiösen Überzeugungen und politischer Macht verbunden waren. Das Ballspiel in Mittelamerika ist ein einzigartiges Beispiel für die Verbindung von Sport, religiösen Ritualen und kosmologischen Symbolen.

Weitere Informationen:
Mesoamerikanisches Ballspiel – Wikipedia
Das Ballspiel ist in einigen Regionen Mexikos noch immer verbreitet, insbesondere an archäologischen Stätten wie Tuitocán in der Nähe von Mexiko-Stadt und Cancún im Süden Mexikos. Heutzutage wird das Spiel jedoch nur noch zur Vermittlung kultureller Traditionen und aus touristischen Gründen praktiziert:
https://www.spiegel.de/video/mesoamerikanisches-ballspiel-in-teotihucan-in-mexiko-video-99017428.html

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