15. Januar 2026

Zwischen Freude und Angst: Der erste Besuch im Norden Syriens nach elf Jahren

Im August 2025 reiste tuenews-Mitarbeiterin Lobna Alhindi nach Syrien. Erstmals seit ihrer Flucht vor elf Jahren hat sie ihre Familie in Al-Thaura im Norden des Landes besucht. Nach dieser langen Zeit konnte sie Vater, Mutter, Bruder, Schwestern, Nichten und Neffen endlich wieder in die Arme schließen. “Das Zusammensein mit der Familie hat meine Seele geheilt”, sagt Alhindi. Und trotzdem ist ihr die alte Heimat fremd geworden.
Der Weg nach Nordostsyrien ist lang. Noch immer gibt es keine Direktflüge von Deutschland in syrische Städte. Alhindi entschied sich deshalb, über Amman in Jordanien zu fliegen. Und sie hat nicht nur ihren deutschen Reisepass mitgenommen, sondern auch den syrischen. Die Atmosphäre am Flughafen in Damaskus fand sie entspannt, im Gegensatz zur Wartezeit bei der Zwischenlandung in Jordanien. “Die Flughafenmitarbeiter in Damaskus waren sehr nett, ganz anders als früher”, sagt sie. “Das macht einen Unterschied, man hat keine Angst mehr.”

“Die Luft ist seht schmutzig

Ihr Bruder und seine Frau holten sie ab, um zur Familie im mehr als fünf Autostunden von Damaskus entfernten Al-Thaura zu fahren. Die Stadt liegt in der von Kurden geprägten Region nahe Rakka. Kaum hatte sie das Flughafengebäude in Damaskus verlassen, der erste Schreck: “Die Luft ist sehr schmutzig”, stellte sie fest. Vermutlich schlechter Treibstoff lasse die Stadt grau erscheinen. Weil es viel mehr Autos gibt als früher, seien die Straßen überlastet. Entsetzt hat sie der rabiate Fahrstil: “Ich habe gebetet, dass ich wenigstens lebendig bei meinen Eltern ankomme.”

Die Folgen des Krieges gespürt

Schon unterwegs spürte sie die Folgen des Krieges. “Da ist Chaos”, sagt sie über die nördliche Region. Es gebe noch viele Ruinen, auch die Straßen sieien kaputt. Auf vielen Straßen liege Müll. “Ich schäme mich, wenn ich das sehe”, sagt sie. Die alte Heimat kommt ihr auf einmal fremd vor.

Früher waren wir multikulti

Die Wohnung, in der ihre Eltern jetzt leben, kannte sie nur von Bildern in Videogesprächen. Die alte Wohnung der Familie war im Krieg zerstört worden. Das Lebensgefühl in der Region habe sich geändert. “Früher waren wir multikulti”, erzählt Alhindi. Jetzt lebten in dem Gebiet viel mehr Kurden und Beduinen. Das Alltagsleben sei seit der Befreiung von Assad nicht einfacher geworden. Strom gebe es nur von 14 bis 23 Uhr. Auch die ärztliche Versorgung sei schwierig. “Als ich mit meiner Mutter zu einer Ultraschalluntersuchung gefahren bin, hatte ich den Eindruck, das war das erste Ultraschallgerät überhaupt.”

Arbeit zu finden ist schwer

Die Armut sei nach wie vor groß, die meisten verdienten nicht mehr als 200 Dollar im Monat. Arbeit zu finden sei weiter schwer. In Al-Thaura könne man noch für umgerechnet 15.000 bis 50.000 Dollar eine Wohnung kaufen, in Damaskus koste es dann schon mindestens 100.000 Dollar. Alhindi hat Geschichten gehört, in denen Kurden in ihrer Stadt Mieter zwangen, statt an den Hausbesitzer die Miete an sie zu zahlen.

Besorgt um die Sicherheit

In Al-Thaura hatte sie Angst, nachts alleine auf die Straße zu gehen. Die Stadt wirke chaotisch, die Sicherheitslage erschien ihr zweifelhaft. Erzählungen aus ihrem Bekanntenkreis haben sie darin bestärkt: “Man hat mir erzählt, die Polizei komme nicht einmal zu Messerstechereien”, sagt sie. Tunnel, die Kurden unter der Stadt gegraben hätten, hätten Straßen zerstört.

Kostbare Zeit mit der Familie

Dennoch hat sie die Zeit genossen. “Ich wollte so wenig schlafen wie möglich”, sagt Alhindi. So kostbar erschien ihr die Zeit. “Das Familientreffen heilt alle Wunden und ich habe zwischen meiner Familie und meinen Geschwistern all die Angst und Sorgen um die Zukunft vergessen.” Im Moment kann sich die 40-Jährige nicht vorstellen, nach Syrien zurückzukehren. “Meine Kinder würden einen Kulturschock erleiden.” Sie ergänzt: “Das wäre kein Kulturschock, das wäre eine Kulturkatastrophe.” Ihr ältester Sohn war vier Jahre alt, als sie ihn mit auf die Flucht nach Deutschland nahm. Die Zwillinge sind bereits in Deutschland geboren. Alhindi hat inzwischen gut Deutsch gelernt und einen deutschen Pass bekommen. Aber so lange ihre Eltern leben, will sie sie immer wieder besuchen.

Neue Heimat in Deutschland

In Syrien hat sie nicht nur ihren Mann und ihre Kinder vermisst. Auf dem Rückflug, kurz vor der Landung in Frankfurt, hat sie ein kleines Video gedreht und später an Familie und Freunde geschickt. “Home sweet home”, hat Alhindi es betitelt. Ihre neue Heimat ist Deutschland.

Die Konflikte kehren zurück

Seit Lobna Alhindis Reise in ihre alte Heimat im September hat sich die Lage im Nordosten Syriens wieder verschlechtert. Zwischen den kurdisch angeführten “Demokratischen Kräften Syriens” (SDF) und den Truppen der syrischen Übergangsregierung kam es wiederholt zu Kämpfen.
Lobna Alhindi steht in engem Kontakt zu ihren Verwandten in der Region Al-Thaura im Norden des Landes. Sie sagt: “80 Prozent der Bevölkerung sind Araber, der Anteil der Kurden überschreitet nicht 20 Prozent. Die meisten von ihnen sind keine ursprünglichen Bewohner der Region, sondern kamen dorthin, nachdem sie während des Krieges aus ihren Heimatgebieten vertrieben worden waren. Die Bevölkerung lebt in Angst vor einem erneuten Ausbruch des Krieges, dessen Preis die Unschuldigen teuer bezahlen würden, zumal die Region voller verminter Tunnel ist.”
Militärische Auseinandersetzungen zwischen Kurden und der Armee gab es auch in Aleppo.

Von Brigitte Gisel

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