Wenn es um die ältesten Universitäten geht, werden in Mitteleuropa meist – in dieser Reihenfolge – Bologna, Paris und Oxford genannt. Diese Universitäten nahmen ihren Betrieb Ende des 11. Jahrhunderts oder im 12. Jahrhundert auf. Ein genaues Gründungsdatum lässt sich aufgrund der mangelhaften Quellenlage für diese Zeit nicht bestimmen. Kaum jemand weiß, dass als älteste Universität der Welt die Universität in der Königsstadt Fes in Marokko gilt, gegründet mehr als zweihundert Jahre vor den ersten europäischen Universitäten. So steht es jedenfalls im Guiness-Buch der Rekorde und in der Beschreibung der UNESCO des Weltkulturerbes der Altstadt von Fes.
Von einer Frau gegründet?
Die Gründungsgeschichte basiert auf einer Quelle eines Historikers aus dem 13. Jahrhundert und liest sich erstaunlich. Demnach ließ Fatima al-Fihri, die sehr gläubig gewesen sein soll, im Jahr 859 mitten in der Medina von Fes eine Moschee mit angeschlossener Koranschule („Madrasa“) aus ihrem Erbe erbauen. Sie war die Tochter eines reichen Handelsmannes aus Kairouan in Tunesien, der wie viele andere in das Königreich Marokko emigrierte. Die Moschee wurde wie das Viertel der Migranten „al-Qarawyyin“ genannt, was „die (Leute) aus Kairouan“ bedeutet. Dieses Gründungsnarrativ wird von einigen heutigen Historikern angezweifelt, vor allem weil bei Renovierungsarbeiten im 20. Jahrhundert eine übermalte Inschrift entdeckt wurde, die einem Sohn des damals herrschenden Königs Idris II. die Gründung der Moschee zuschreibt.

Von der Koranschule zur Universität
Fraglich ist auch, wann aus der Koranschule eine weitergehende Ausbildungsinstitution im Sinne einer Universität wurde, das wird von Historikern im Rückblick unterschiedlich gesehen. Gesichert scheint, dass dies im 11. Jahrhundert geschah, in der Regierungszeit der Almorawiden-Dynastie. Der älteste bisher bekannte akademische Grad in der Medizin wurde 1207 in Fes verliehen: arabisch „Ijaza“, zu übersetzen mit Lizenz, Lehrerlaubnis, wofür es eine zeitgenössische Quelle gibt. Zur Theologie kamen außer der Medizin auch die Disziplinen Islamisches Recht, Grammatik, Rhetorik, Logik, Mathematik, Astronomie und Geographie hinzu. Ähnlich verlief auch die Entwicklung bei den europäischen Universitäten: Aus Schulen entwickelten sich Ausbildungsorte für einzelne Berufe: Juristen, Theologen, Mediziner. Auch an diesen Einrichtungen erweiterte sich dann nach und nach das Fächerspektrum.
Überliefert ist ein ganz eigener Unterrichtsstil an der Universität in Fes, der durch den Begriff „Säulengelehrte“ charakterisiert wird. Im riesigen Gebetsraum der großen Moschee saßen Gelehrte an bestimmten Säulen. Diese Säulen wurden zu festen „Lehrorten“. Schüler wussten genau, welcher Lehrer an welcher Säule saß, und konnten nach einer offenen Lernstruktur studieren. Ohne festen Stundenplan bewegten sich die Studenten frei zwischen verschiedenen Lehrern hin und her je nach Interesse und Niveau.
Blütezeit mit 8.000 Studenten
Seit dem 10. Jahrhundert stieg das Ansehen der Bildungseinrichtung an der „al-Qarawyyin“-Moschee kontinuierlich an, insbesondere auch bei den politischen Eliten der Sultansdynastie der Almoraviden. Die Folgen waren räumliche Erweiterungen, so dass die Moschee zur damals größten Moschee Marokkos mit Platz für 22.000 Gläubige wurde. Auch die Innenräume wurden verschönert und verfeinert. Unter der neuen Dynastie der Meriniden schließlich im 13. und 14. Jahrhundert scheint die Universität in Fes ihren intellektuellen Höhepunkt erreicht zu haben mit etwa 8.000 Studenten, die aus dem gesamten islamischen Regionen Nordafrikas, des Vorderen Orients und Andalusiens kamen. Von der theologischen Bedeutung her wird die „al-Qarawyyin“-Universität als wichtigste Instanz neben der Al-Azhar-Universität in Kairo eingeschätzt, deren Gründung um 970 angesetzt wird.

Reiche Ornamentik der Madrasas
Rund um die Moschee finden sich eigene Gebäude für die Unterbringung der Koranschulen, den Madrasas, in denen die Studenten wohnten, studierten und lernten und auch eigene Kurse erhielten. Abseits des geschäftigen Treibens der Medina öffnete sich hier ein Raum, der ganz dem Lernen, dem Glauben und der Kunst gewidmet war. Charakteristisch für die klare Ordnung der Koranschulen ist der rechteckige Innenhof, das leise Plätschern des Brunnens, die symmetrische Architektur. Besonders eindrucksvoll ist der raffinierte Ornamentschmuck an Türen und Decken aus geschnitztem Zedernholz, der filigrane Stuck mit Koranversen und farbige Mosaiken an Wänden und auf dem Boden. Diese werden bis heute in Zellij-Technik hergestellt: Handgefertigte Terrakottafliesen werden glasiert, in geometrische Formen geschnitten und wie ein Puzzle zusammengesetzt. Die Ornamentik soll zeigen, wie Wissen und Schönheit im islamischen Denken zusammengehören. Die kleinen Zellen der Studenten, die sich um den Hof gruppieren, vermitteln das einfache, disziplinierte Leben der täglichen Lern-Praxis.
Bedeutende Denker des Mittelalters
Die Namen von bedeutenden Wissenschaftlern sind mit der Universität Fes verbunden, so etwa der jüdische Philosoph und Mediziner Maimonides (1135/1138–1204), der viele spätere Philosophen beeinflusste. Ibn Khaldun (1332–1406) gilt als ein vormoderner Autor, dessen Werk direkt in die modernen Sozial- und Geschichtswissenschaften hineinreicht: Seine aus heutiger Sicht interdisziplinären Analysen von Macht, Wirtschaft, Bildung, Religion und sozialem Wandel greifen Fragen auf, die erst Jahrhunderte später systematisch gestellt wurden. Ob auch Gerbert von Aurillac, der spätere Papst Silvester II. in Fes studiert hat, ist nicht gesichert: Er hat später die arabischen Zahlen in Europa durchgesetzt (siehe auch tun24081101).

Universität in Fes heute: Studierende und Touristen
Nach einer wechselvollen Geschichte wurde die Universität in Fes 1975 neu strukturiert. Der alte Name „al-Qarawyyin“ wurde für die theologischen Studien beibehalten, alle anderen Studienfächer werden auf einem modernen Campus außerhalb der Altstadt an der Universität „Sidi Mohamed Ben Abdellah“ und seit 1940 auch von Frauen studiert. Der Moscheekomplex in der Medina, der eingezwängt ist zwischen enge Gassen mit insgesamt 14 Eingängen, ist noch immer Treffpunkt für Gelehrte und Ort theologischer Studien.
Besonders wichtig für das islamische Kulturerbe ist die Bibliothek der Al-Qarawiyyin. Sie gilt als eine der ältesten noch existierenden Bibliotheken der Welt. Im heutigen Bibliotheksbau, 1349 errichtet, sind Tausende wertvolle Handschriften und über 30.000 Bücher untergebracht. Ein Koran aus dem 9. Jahrhundert zählt zu den ältesten erhaltenen Korankopien in Nordafrika. „Al-Muqaddima“, das Hauptwerk von Ibn Khaldun, ist in einer alten Handschrift in der Bibliothek erhalten. Ibn Khaldun analysiert darin den Aufstieg und Fall von Zivilisationen und deren soziale Dynamiken und Machtstrukturen.
Nach marokkanischer Sitte dürfen Nichtmuslime den Altbau der Universität nicht betreten, da die Moschee noch immer Gebetsort ist. Zu besichtigen sind aber die Madrasas, die rund um den Moscheebau liegen, so etwa die Madrasa Al-Attarine, deren Gebäude als schönster Bau einer Koranschule in Marokko gilt.

Wirklich die älteste Universität?
Ob die Bildungsinstitution an der Moschee in Fes tatsächlich die älteste Universität der Welt ist, wird gelegentlich in Frage gestellt. Manche Bildungshistoriker halten „die Universität“ für eine genuin europäische Erfindung, „ein Erzeugnis des christlichen Westens des 12. Jahrhunderts“. Ähnlichkeiten mit den muslimischen Koranschulen und ihrer Entwicklung werden durchaus gesehen, aber strukturelle Unterschiede betont wie die Existenz von Fakultäten. Unbestreitbar ist, dass der Wissenschaftsbetrieb in Europa ohne den Wissenstransfer aus der islamischen Welt über Andalusien und auch Sizilien nicht denkbar gewesen wäre. Die islamischen Wissenschaftszentren in Fes und Kairo und in der damals größten Stadt Europas Cordoba waren den klösterlichen Wissenszentren in Europa weit voraus. Ihr Input war für die Entwicklung der wissenschaftlichen Disziplinen an den ersten europäischen Universitäten entscheidend (siehe dazu tun23050205).
Schließlich ist darauf hinzuweisen, dass schon in frühen Hochkulturen Ausbildungsinstitutionen existierten, an denen wissenschaftliches Denken auch im modernen Sinne von „Higher Education“ gelehrt wurde, so etwa schon vor 5.000 Jahren in den sumerischen Schulen zur Schreiberausbildung in Mesopotamien. Man könnte auch an die buddhistischen Lehranstalten in Nalanda in Indien denken, die vom 5. bis 12. Jahrhundert n. Chr. existierten, in denen das ganze damals verfügbare Wissen gelehrt wurde. Für diese und ähnliche Institutionen etwa auch im pharaonischen Ägypten oder im antiken Griechenland gilt, dass sie mit dem Untergang ihrer jeweiligen Kulturen ebenfalls verschwanden. Damit gilt die von der UNESCO oder dem Guiness-Buch verwendete „salomonische“ Formel des längsten kontinuierlichen Bestehens als älteste Bildungseinrichtung eben nur für die Universität Fes.
Weitere Informationen:
University of al-Qarawiyyin – Wikipedia Dieser Beitrag bietet eine umfassende Darstellung der Universität in Fes.
Text und Video der Deutschen Welle zur Gründungserzählung der Universität Fes: Fatima al-Fihri: Founder of the world’s oldest university
Reportage des Deutschlandfunks zur Bibliothek der Universität: Al Qarawiyin: Die älteste Universität der Welt steht in Marokko
tun26042108

