25. September 2026

Keltische Siedlung vermutlich nach Migration gegründet

Vor 2200 Jahren haben überwiegend Kelten in Süddeutschland gelebt und große Siedlungen, sogenannte Oppida gegründet. Eine davon war Altenburg/Rheinau am Hochrhein bei Schaffhausen. Seit vier Jahren gräbt das baden-württembergische Landesamt für Denkmalpflege in Altenburg nach Spuren des keltischen Lebens.

Von rechts: Grabungsleiter Günther Wieland vom Landesamt für Denkmalpflege diskutiert mit dem Landesarchäologen Dirk Krausse und dem technischen Grabungsleiter Andreas Nickel die Fundsituation in Altenburg am Hochrhein. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Bernhard Kirschner.

„Das war ein bedeutendes Handelszentrum“, ist Grabungsleiter Günther Wieland überzeugt. Mehrere tausend Menschen dürften damals auf den beiden Halbinseln im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet gelebt haben. Dort macht der Rhein wenige Kilometer nach dem Wasserfall bei Schaffhausen eine s-förmige Doppelschleife. Die Siedlungen im heutigen Jestetten-Altenburg (Kreis Waldshut) und Rheinau (Kanton Zürich) waren mit zwei Wällen und Mauern wohl gut zu verteidigen. Reste sind heute noch zu sehen.

Luftbild der Doppelschleife des Hochrheins unterhalb des Rheinfalls. Das Oppidum von Altenburg/Rheinau erstreckte sich über die beiden vom Rhein umflossenen Halbinseln. Foto: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Fotograf: Christoph Steffen.

Kurze Blütezeit für Weinhandelszentrum

Das Oppidum der sogenannten Spätlatène-Zeit hatte nur eine kurze Blütezeit, von etwa 120 bis 60 vor Christus. „Aber hier war viel los“, weiß Archäologe Wieland, der Fachbereichsleiter für die Bronze- und Eisenzeit im Landesamt für Denkmalpflege ist. Der Weinhandel florierte. Mehr als 15.000 Scherben von Amphoren wurden bisher gefunden. Der Wein kam aus dem Mittelmeerraum, vermutlich vor allem aus Italien und wurde über Südfrankreich auf Flüssen und Seen in den Norden transportiert. Die Kelten waren regelrecht versessen auf das Getränk, heißt es in antiken Quellen. „Eine Amphore mit 25 Litern Wein hatte den Wert eines Tischsklaven“, zitiert Grabungsleiter Wieland. Die Römer könnten in Altenburg einen Handelsposten gehabt haben. Darauf weisen Funde wie ein Schreibgriffel hin, den die Römer zu Eintragungen in ihre Wachstafeln nutzten.

Silbermünzen und Bronze

„Und vielleicht haben wir hier eine keltische Bank“, scherzt Wieland im Gespräch mit tuenews INTERNATIONAL. Auch in diesem Jahr wurden wieder über 40 Silbermünzen gefunden, die die Kelten vor Ort geprägt haben. Das sei ein klares Zeichen von Münzgeldwirtschaft. Sie haben das Münzwesen im Mittelmeerraum kennengelernt, vermutet Wieland, im Zuge der keltischen Wanderungen Richtung Süden und Osten im 4. Jahrhundert vor Christus: „Die Vorbilder für die ersten keltischen Münzen waren Münzen der makedonischen Herrscher Philipp II. und Alexander dem Großen.“ Die Kelten wurden für ihre Söldnerdienste mit Silber und Gold bezahlt, die sie bis in die heutige Türkei und in den Nahen Osten führte.

Spätkeltische Fibeln (Gewandspangen) des 1. Jahrhunderts v. Chr. aus den Grabungen in Altenburg. Foto: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, Fotografin: Yvonne Mühleis.

Städtisches Zentrum der Handwerkskunst

„Altenburg war damals auch ein Zentrum der Handwerkskunst“, ist sich Wieland sicher. Viele Keramikscherben seien Drehscheibenware, was auf spezialisierte Töpfereien schließen lässt. Außerdem fanden sich etliche Halbfabrikate aus Bronze wie Nadeln und Bleche sowie jede Menge Schlacke. Wahrscheinlich wurde in Altenburg auch Bronze gegossen und weiterverarbeitet.
Und es gibt jede Menge Tierknochen, vor allem vom Rind und Schwein. Für den lokalen Bedarf eigentlich zu viel, rätselt Wieland: „Möglicherweise für die Vorratshaltung und den Export“. Es gab wohl Großschlachtereien und Räuchereien, worauf Löcher in den Schulterblättern von Rindern zum Aufhängen hindeuten.

In Altenburg (Kreis Waldshut) haben die Archäologen eine Menge Scherben und Teile von Gefäßen freigelegt. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Bernhard Kirschner.

Migration als Grund für Siedlungsgründung?

Warum die Kelten die Großsiedlung nach nur wenigen Jahrzehnten aufgegeben haben, ist unklar. Möglicherweise spielten der Gallische Krieg des römischen Feldherrn Cäsar eine Rolle oder die vorrückenden Germanen aus dem Norden, vermutet Wieland. Etwa 60 vor Christus war in Altenburg Schluss, danach verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt bis etwa 40 vor Christus auf die andere Halbinsel Rheinau.
Auch woher auf einmal so viele Menschen gekommen sind, um die Stadt zu gründen, ist bisher ein Rätsel. Waren es Migranten aus anderen Siedlungen im Norden, die Ende des zweiten Jahrhunderts vor Christus ihre Heimat verlassen mussten? Oder waren es Rückkehrer von Feldzügen in Südeuropa, von denen römische Quellen berichten?

Glücksfall Laufhorizont

Wie dem auch sei, in diesem Jahr jedenfalls haben die Archäologen des Landesamts Glück mit ihrer 20 mal 10 Meter großen Grabungsfläche. Sie sind auf den Boden gestoßen, wo die Kelten gegangen sind, und haben eine Pflasterung gefunden. Möglicherweise war dort eine Art Marktplatz. So nah im Eingangsbereich hinter dem Wall nichts Ungewöhnliches. Die heutigen Funde waren damals Abfall, der einfach weggeworfen wurde oder etwas, das verloren und in den Boden getreten wurde. „Aber damit können wir einen Blick in das Alltagsleben der Kelten werfen“, freut sich Wieland. So etwas sei selten und sehr besonders.

Schicht für Schicht hat sich das Grabungsteam ins Erdreich vorgearbeitet. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Bernhard Kirschner.

Vorsichtige Grabungsarbeit

Deswegen arbeitet sich das 15-köpfige Team, darunter viele ehrenamtliche Helfer der Gesellschaft für Archäologie Baden-Württemberg, sehr vorsichtig ins Erdreich, um die Kulturschicht zentimeterweise abzutragen und die vielen Funde zu sichern. Nachdem der Bagger etwa bis zu einem halben Meter tief den Oberboden abgetragen hatte, wurde die Fläche in zwei mal zwei Meter große Quadrate eingeteilt. Nach jeweils zehn Zentimetern Tiefe werde die Fläche samt Funden dokumentiert, erklärt der technische Grabungsleiter Andreas Nickel. Man arbeite in versetzten Quadraten, damit alle vier Seiten mit ihren Profilen erfasst werden können. Dadurch werde die Stärke der Kulturschicht sichtbar, so Nickel weiter. Und die sei ganz unterschiedlich, mal sind es 10, mal 15 Zentimeter. Angeschnitten wurde auch eine kreisförmige Grube, in der Siedlungsabfall gefunden wurde. Wozu sie diente, ist noch unklar.

Zwischen Altenburg und Rheinau gibt es einen informativen Keltenrundweg. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Bernhard Kirschner.

Im nächsten Jahr soll in Altenburg weitergegraben werden, ist der Wunsch von Grabungsleiter Wieland: „Die Fläche hat immenses Potenzial“. Er rechnet mit weiteren Überraschungen und neuen Erkenntnissen über das Leben der Kelten vor 2100 Jahren.
Wer sich in Altenburg und Rheinau informieren möchte, kann das auf einem acht Kilometer langen grenzüberschreitenden Kelten-Rundweg tun. Dort hat der Naturpark Schaffhausen zusammen mit der Gemeinde Jestetten und dem Landesamt für Denkmalpflege Infotafeln aufgestellt:
https://www.natourpark.ch/tour/keltenrundweg/

Weitere Informationen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kelten
https://tuenews.de/kelten-im-suedwesten-2/
Kelten in der Latènezeit:
https://www.praehistorische-archaeologie.de/wissen/die-eisenzeit/latenezeit/
https://www.denkmalpflege-bw.de/
https://www.gesellschaft-archaeologie.de/startseite.html

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