Wer hat mitgemacht? Jugendguides zu Zwangssterilisationen und Eugenik in Tübingen

Gemeinsam besteigen die Jugendguides die Treppen zum Landgericht Tübingen, wo sie die Besucher ihrer Führung treffen. Thomas beginnt zu erzählen, dass hier in der Zeit des NS-Regimes das Erbgesundheitsgericht untergebracht war. Dieses entschied unter anderem, welche Menschen sterilisiert werden sollten. Die Grundlage hierfür bot das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das die Zwangssterilisation von Menschen erlaubte, die als „erbkrank“ galten.

Sofia schließt an Thomas‘ Erzählung an und berichtet von Albert M. Das Jugendamt, das als Vormund fungierte, beantragte seine Sterilisation. Auf dem Weg zur alten Nervenklinik, dem heutigen Zentrum für Psychotherapie, stoppt Charlotte im alten botanischen Garten, dem „Bota“. Abseits der Wege des Botas schiebt sie einen Ast zur Seite und offenbart einen Gedenkstein dahinter. Sie berichtet, wie die Nazis den Stein für Carl Correns aufstellten, um seinen Einfluss auf die Eugenik zu ehren – obwohl dieser bei seiner Genforschung in erster Linie an Pflanzen forschte.

An der Nervenklinik angekommen berichtet Charlotte, dass hier Patient*innen gemeldet und begutachtet wurden, auf deren Grundlage das Erbgesundheitsgericht über Zwangssterilisationen entschied. Ana illustriert das Verfahren, indem sie über das Leben von Stefanie Lang berichtet. Diese wurde in der Frauenklinik Tübingen – der nächsten Station der Führung – zwangssterilisiert. An der Frauenklinik angekommen erzählt Vanessa von den mindestens 655 Zwangssterilisierungen, die hier vollzogen wurden. Insgesamt wurden in allen Tübinger Universitätskliniken 1158 Menschen sterilisiert.

Zum Abschluss berichten Emma und Malika auf dem Stadtfriedhof von einer anderen Konsequenz der Eugenik: Die „Euthanasie“ im Zuge der Krankenmorde, genannt „Aktion T4“.  Die „Euthanasie“ hatte keine gesetzliche Grundlage, sondern beruhte auf einem geheimen Ermächtigungsschreiben Hitlers. Sie wurzelte aber in derselben Eugenik. Zuvor waren sie auf einem Workshop in Grafeneck im Landkreis Reutlingen gewesen, einer Tötungsanstalt für die Krankenmorde. Sie stellen der Gruppe die Familie Kölle vor und erzählen von der Architektur, die die Nationalsozialisten hier erbauten. Diese sorgte dafür, dass Neuankommende nicht wussten, was sie erwartete. Ihnen wurden falsche Tatsachen vorgespielt und die Zäune und frisch bezogenen Betten ermöglichten diese Täuschung. Auch Marie Luise Schmidt, geb. Kölle, fiel den Morden zum Opfer und ist heute auf dem Stadtfriedhof Tübingen bestattet.

Von Vanessa Ziegelin