Es ist nicht genau bekannt, wann die ersten Anzeichen von Gewalt in der Geschichte der Menschheit auftraten. Ebenso lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig feststellen, ob Gewalt eine angeborene Eigenschaft des Menschen ist oder ein erlerntes Verhalten, das durch Umweltbedingungen und gesellschaftliche Entwicklungen im Laufe der Zeit geprägt wurde.
Die Geschichte der Menschheit hat verschiedene Entwicklungsphasen und Kulturen durchlaufen: von kleinen Familien- und Jäger-Sammler-Gruppen, die auf ständige Wanderung und Jagd angewiesen waren, über sesshafte Dorfgemeinschaften mit landwirtschaftlicher Lebensweise bis hin zu komplexen Gesellschaften mit monarchischen und imperialen Herrschaftssystemen.
Vor der Schrift: Archäologische Belege für Gewalt
Diese Veränderungen trugen, zusammen mit Umweltfaktoren, dazu bei, die Vorstellungen der Menschen über die Natur ihrer Beziehungen zu anderen zu verändern. Dies führte direkt oder indirekt zur Herausbildung unterschiedlicher Gewaltformen in frühen Gesellschaften, die sich im Laufe der Zeit weiterentwickelten und zunehmend komplexer wurden.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, anhand welcher Belege auf die Existenz von Gewalt in alten Gesellschaften geschlossen werden kann. Aus heutiger Perspektive lassen sich Gewaltmanifestationen vor allem durch archäologische Funde nachweisen, insbesondere durch Verteidigungsanlagen wie Burgen und Stadtmauern, die Verbreitung von Waffen und Kampfgeräten sowie durch Knochenbrüche, Verletzungen und stumpfe Gewalteinwirkungen, die an Skelettfunden aus archäologischen Kontexten erkennbar sind.
Frühe Belege für Gewalt lassen sich als religiöse Rituale interpretieren
In der Jungsteinzeit scheinen menschliche Gesellschaften auf den ersten Blick weitgehend friedlich miteinander gelebt zu haben. Gewalttaten treten nur selten in Erscheinung. Bestimmte archäologische Befunde, wie die Existenz von Türmen oder die Entdeckung von Hinrichtungsstätten, werden häufig als direkte Hinweise auf Gewalt in frühen Gesellschaften interpretiert. Solche Phänomene müssen jedoch stets im religiösen und kulturellen Kontext ihrer Zeit betrachtet werden. In vielen Fällen stehen diese Funde im Zusammenhang mit rituellen Praktiken und sozialen Bräuchen, die in dieser Epoche verbreitet waren.
Ein deutliches Beispiel hierfür ist Tell al-Qaramel im Norden Syriens, der in das 10. Jahrtausend v. Chr. datiert. Archäologische Ausgrabungen an diesem Fundort brachten fünf Steintürme sowie Hinweise auf Enthauptungen in Form von Schnittspuren am ersten Halswirbel ans Licht. Diese Befunde deuten jedoch nicht zwangsläufig auf organisierte Gewalt oder kriegerische Auseinandersetzungen hin. Vielmehr dürften die entdeckten Türme eher als Zentren religiöser oder gesellschaftlicher Zusammenkünfte gedient haben als zu Verteidigungszwecken. Die Enthauptungen werden als Bestandteil ritueller Handlungen interpretiert, bei denen der Kopf des Verstorbenen abgetrennt und für Rituale der Ahnenverehrung aufbewahrt wurde – eine Praxis, die von zahlreichen frühneolithischen Fundstätten im Nahen Osten bekannt ist.

Körperliche Belastungen durch die jungsteinzeitliche Landwirtschaft
Während der landwirtschaftlichen Revolution entstanden vor 10.000 Jahren, ähnlich wie während der heutigen industriellen Revolution, neue Lebensweisen, die sich in tiefgreifenden Veränderungen der täglichen Aktivitäten widerspiegelten. Dazu gehörten unter anderem neue Formen der Nahrungsbeschaffung, die Viehzucht, der Bau fester Häuser, der zunehmende Wettbewerb um Ressourcen sowie das Leben in eng verbundenen Gemeinschaften.
Diese Veränderungen wirkten sich auf den menschlichen Körper aus und hinterließen charakteristische Spuren am Skelett. Neben einer erhöhten Häufigkeit von Knochenbrüchen lassen sich auch Veränderungen an Gelenken und Knochenstrukturen beobachten, die auf neue körperliche Belastungen zurückzuführen sind.
Ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Lebensstil bietet die Fundstätte Tell Abu Huraira am Ufer des Euphrat. Dort wurden frühe Belege für die Domestizierung von Pflanzen und Tieren sowie für den Beginn der Landwirtschaft entdeckt. Die an diesem Ort gefundenen menschlichen Skelette zeigen eindeutige Hinweise auf diese lebensstilbedingten Veränderungen. Diese Befunde sind jedoch nicht als Folge von gewaltsamen Konflikten innerhalb der Gesellschaft zu interpretieren, sondern als Ergebnis neuer Arbeits- und Lebensbedingungen, im Gegensatz zu späteren Perioden, in denen Gewalt zunehmend eine größere Rolle spielte.
Erste Kämpfe um Wasser, Ackerland und Handelswege
Anthropologische Untersuchungen von Skelettüberresten deuten jedoch auf eine deutliche Zunahme der Gewalt in der Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr. hin. Diese Zeit ging der Entstehung der ersten Städte und Königreiche sowie den Anfängen der menschlichen Zivilisation voraus. Dennoch scheint die Urbanisierung bereits zu diesem Zeitpunkt eingesetzt zu haben. Schädelverletzungen und durch Waffen verursachte Wunden traten in dieser Periode häufiger auf, was mit der Einführung von Kampfwerkzeugen aus Kupfer in Verbindung gebracht wird. Diese Konflikte scheinen vor allem aus Auseinandersetzungen um Wasserressourcen, fruchtbares Ackerland und bedeutende Handelswege entstanden zu sein.
Frühe Formen schwerer innerer Konflikte
Tell Brak (3800 vor Chr.) in Nordostsyrien stellt hierfür eines der deutlichsten Beispiele dar. Dort entdeckten Forscher Massengräber mit Hunderten von Skeletten, die Spuren von Verstümmelung sowie Hinweise auf Tierfraß in Form von Beißspuren aufwiesen. Dies deutet darauf hin, dass die Leichen zunächst unbestattet liegen gelassen und anschließend ohne jegliche Bestattungsrituale in Abfallgruben entsorgt wurden. Dieses Phänomen wird von der Forschung als Hinweis auf schwere innere Konflikte innerhalb der damaligen Gesellschaft interpretiert, die in ihrer Intensität mit dem heutigen Begriff eines „Bürgerkriegs“ verglichen werden können. Auffällig ist zudem, dass es sich bei den meisten Opfern um junge Erwachsene handelte, während Skelette von Kindern und älteren Menschen weitgehend fehlen.

Eskalation der Gewalt mit Belagerungen
Auch Tell Hamoukar, (3500 vor Chr.) ebenfalls in Nordostsyrien, lieferte die bislang frühesten bekannten Belege für eine groß angelegte militärische Belagerung und eine organisierte Invasion auf dem Gebiet des heutigen Syrien. Archäologische Untersuchungen brachten die Überreste einer zerstörten Stadtmauer, Tausende von Tonprojektilen in Form eiförmiger Schleudersteine, die über das gesamte Areal verteilt waren, sowie die vollständige Zerstörung und Verbrennung großflächiger Gebäude zutage. Diese Befunde deuten darauf hin, dass die Stadt systematisch angegriffen, geplündert und schließlich zerstört wurde.
Im 3. Jahrtausend v. Chr. nahm Gewalt eine völlig neue Form an, insbesondere mit der Herausbildung der ersten Städte und Königreiche. Als Folge zunehmend eskalierender Konflikte um Besitz, Ressourcen und politische Macht verlagerte sich Gewalt von individuellen oder lokalen Auseinandersetzungen hin zu organisierten Konflikten zwischen staatlich strukturierten Gemeinwesen.
Weitere Informationen:
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/archaeologie-der-erste-krieg-der-menschheit-a-460283.html
https://tuenews.de/vor-6000-jahren-fand-der-erste-krieg-auf-syrischem-boden-statt-2/
Von Youssef Kanjou
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Ruinenreste eines Turms, entdeckt in Tell al-Qaramel im Norden Syriens, aus dem 10. Jahrtausend v. Chr. Der Turm und vier weitere dienten nicht als Verteidigungsanlage, sondern für religiöse oder gesellschaftliche Zusammenkünfte. Foto: Youssef Kanjou.

