Tiefe Festungsgräben, marode Fassaden und leergefegte Straßen. Das prägt die tschechische Stadt Terezin – das ehemalige Ghetto Theresienstadt. Aber was passierte einst hinter den verschlossenen Türen Terezins? Um das rauszufinden, begab sich eine Gruppe von Studierenden und Jugendguides aus Tübingen Anfang Dezember 2025 auf eine Exkursion an die Gedenkstätte.
Das NS-Regime nutzte die ehemalige Festung ab November 1941 als Durchgangslager für rund 141.000 Jüdinnen und Juden. Unter den Häftlingen befanden sich 10.500 jüdische Kinder. Eine Gruppe von ihnen machte es sich zur Aufgabe, wöchentlich die Zeitung „Vedem“ (deutsch: „Wir führen“) herauszubringen. In geheimen Redaktionssitzungen schrieben die Jungen des Schlafsaals L417 Gedichte, Tagebucheinträge und Artikel. Aus der Perspektive eines Füllers aus diesem Heim heraus, fängt eine der Studierenden, Berit Karl, ihre Eindrücke von den Erlebnissen der Kinder literarisch ein:
Ein stiller Begleiter
Ich bin einzig ein Vergessener aus dem Leben der verlorenen Seelen. Ein stiller
Beobachter im Ghetto Theresienstadt. An mir geht nichts vorbei. Ich bin Zeuge. Zeuge aus dem Schlafsaal L417. Ein Ort, an dem den Gedanken vieler Jungen freien Lauf gelassen wird – Heim 1. Ich ziehe ihre Hoffnung, Trauer und Trotz in einen Bann, bevor ihre Worte und auch sie selbst von der Dunkelheit verschlungen werden.
Ich war bedeutungslos. Nur ein Werkzeug zum Zählen der mickrigen Brotrationen oder dem Markieren der Wäsche. Bis mich eine Gruppe junger Juden in die Finger bekam. So wurde ich zum Schwert, um die erstickende Stille in einer trostlosen Stadt zu durchschneiden. „Wir müssen schreiben“ flüstert einer der Jungen entschlossen. Mit gerade 14 Jahren schreibt Petr Ganz „Vedem“ auf ein altes, vergilbtes Blatt Papier. „Wir führen“ – der leise Anfang von etwas Großem. Eine geheime Zeitung, die wöchentlich erscheinen wird. Jeden späten Abend, wenn die Petroleumlampe lange Schatten in den Raum wirft, führt mich eine kleine Hand mit Schwung über das Blatt. In der Art, wie sie mich halten, spür ich das Gewicht der Verantwortung. Ich bin nicht nur Farbe auf Papier, ich bin ihre Stimme.
„Der Platz ist von einem Gürtel gefällter und gestutzter Bäume umgeben. Ihre kümmerlichen, gegabelten Äste strecken sich gen Himmel. Nein, es sind keine Äste. Es sind menschliche Klauen, blutrünstig, bereit, sich in das Fleisch eines Mörders zu graben.“ So beschreibt einer der Jungen den großen Platz im Herz Terezins. „Die Geschichte wiederholt sich.“ Eine Kirche als Symbol für das Christentum ragt hinter den Häusern unter einschlagenden Blitzen hervor. „Jenes Christentums, das Barmherzigkeit predigt und die abscheulichsten Verbrechen begeht. Jenes Christentum, für das elf Menschen lebendig verbrannt wurden.“ Voller Trotz schreibt der Junge über das ungerechtfertigte Morden. Ich werde niedergelegt und bekomme noch mit, wie Petr ihm einen Teil seiner Essensration anbietet, um den Artikel für „Vedem“ zu bekommen. In der frühen Morgenstunde, als die ersten Sonnenstrahlen durch die Fenster kriechen, fasst mich eine zitternde Hand. „Wir arbeiten in der Nacht… Wir trugen eine Leiche aus dem Haus in die Kaserne… Hier liegen nun Leichen zwischen den lebenden Menschen.“ 1942 steht in der oberen Ecke des kleinen Heftes. Der sonst gefasste 26-jährige Egon Redlich ist Mitglied des Ältestenrats. Seit seiner Ankunft kümmert sich der Jurastudent um die Erziehung und geheime Bildung der Kinder und Jugendlichen. „Die Toten liegen zwischen den Lebenden, auch den ganzen Tag über.“ Die Gefühle von Egon bleiben den anderen verborgen. Nur ich und sein Tagebuch erhalten die einzigartige Einsicht in die Welt seiner Emotionen. „Wie müssen wohl die Gefühle derjenigen sein, die ständig mit Leichen arbeiten. Gehen sie mit Ihnen so, wie mit Ziegeln oder wirklich wie mit Verstorbenen um?“ Steht es ein Jahr später in der Zeitung „Vedem“. „Es ist die einzige Anstellung, bei der sie nicht an eine Prämie denken können und trotzdem nehmen sie ihren letzten Dienst gegenüber den Verstorbenen ernst und üben ihn würdevoll aus. Dies hat sich auch im letzten September gezeigt. Damals mussten sie 4000 Leichen auf einmal davontragen und auch damals haben sie nicht versagt. Das war keine physische Kraft, die sie auf den Beinen hielt, das war etwas mehr“, schreibt Petr als Außenstehender über die Tätigkeit in der Leichenkammer.
Es ist einfach zu wenig Platz. Körper liegt an Körper. Knochen an Knochen. „In der Nacht liegen die Menschen auch in der Mitte, wenn jemand hinaus muss, dann muss er über sie hinwegsteigen. Eine streckt der anderen die Beine ins Gesicht“, beschreibt die 12-jährige Helga Weissová-Hošková die bedrückende Enge in ihrem Zimmer. Der unangenehme Geruch im Raum wird zunehmend stechender. Immer wieder gehen Wörter wie „unhygienisch und Krankheit“ durch mich hindurch. „Eine Mutter, die Masern hat, liegt mit ihren Kindern, die auch krank sind. Die Frauen, die mit ihren Kindern ins Krankenhaus gegangen sind, kehren zurück, ohne ihren Platz zu finden, den bereits andere besetzt haben. Es ist ein 14-Jähriger gestorben“, teilt Egon seinem Tagebuch mit. In einer eisigen Nacht im Winter verbleibt einzig das Knistern des kleinen Ofens in der Ecke und das tiefe Atmen der Frauen. „Bei 20 Grad unter null wurden bereits erfrorene Leute gefunden. Einer liegt auf dem anderen“, schreibt Eva Mändlová-Roubíčková mit von der Kälte versteiften Fingern. Die Kälte ihrer Haut durchdringt mich. Auf einer anderen Seite schreibt der 12 Jahre alte Michael Kraus „In dem Zimmer von 6,5 qm waren wir damals 21 Jungs mit einem Betreuer.“ Einer der Betreuer Valtr Eisinger. Der Leiter des Heims 1. Einer derer, die sich den Kindern und Jugendlichen am meisten widmen und sie im Geheimen bilden.
Eines Abends drückte mich ein Junge in die Hand seines Betreuers. Einer der tragischsten Momente. Seine talentierte Hand führt mich mit Schwung und Eleganz über das große Blatt. Es entstehen lachende, schmunzelnde und stumme Gesichter. Die Portraits der Jungen aus Heim 9. Die Kinder, die sich in nichts von ihren Altersgenossen unterscheiden. Trotzdem waren sie zum Tode verurteilt. Einer nach dem anderen hebt mich und führt mich in ihrer ganz eigenen Art und Weise über das Blatt. Sie schreiben ihre Namen unter ihr Haupt. Ein Beleg. Eines der wenigen Zeugnisse ihrer Zeit in Theresienstadt.
Eine mir bekannte zarte Hand erfasst mich. Es ist Franta. František Bass. Seine Leichtigkeit beim Schreiben steht im stetigen Kampf mit den unberührten Worten voller Ehrlichkeit und Emotion. In seinen Gedichten schreibt er voller Leidenschaft über die entsetzlichen Ereignisse in Terezin und seine eigene Vergänglichkeit. Eine zu große Last für ein 12-jähriges Kind. „Der Garten“ schreibt er auf Tschechisch auf das unbeschriebene Blatt.
Das kleine Rosengärtlein
duftet heut so sehr,
es geht auf schmalem Wege
ein Knabe hin und her.
Ein Knäblein ach so schön und hold.
Ein Knösplein, das grad blühen wollt
erblüht einmal das Knösplein klein,
so wird das Knäblein nicht mehr sein.
Es ist so, als sei er bereits im Reinen mit seinem Schicksal und das seiner Kameraden. Ein Ausweg für die Kinder in Terezin ist chancenlos. Für ihn ist die wahre Geschichte hinter den Transporten in den Osten greifbar. Die erdrückenden Gedanken bleiben nicht nur bei Franta. Andere Kinder verspüren das Bedürfnis ihre Verzweiflung und Hoffnung festzuhalten.
People walk along the street,
You see at once on each you meet
That there‘s ghetto here,
A place of evil and of fear.
There‘s little to eat and much to want,
Where bit by bit, it‘s horror to live.
But no one must give up!
The world turns and times change.
Yet we all hope the time will come
When we‘ll go home again.
Now I know how dear it is
And often I remember it.
„Wann werden wir nach Hause gehen?“ „Überall Verzweiflung.“ „Hilfe nirgendwo, Kein Ausweg.“ „Die Absurdität der aktuellen Lage.“ „Die älteren Leute fielen wie Fliegen um.“ „Weder Platz noch Ruhe, um zu sterben.“ „Bis das Ende kommt, wir werden hoffen, dass es in kurzer Zeit da ist.“ „Bringt das neue Jahr 1943 das Ende dieses Kriegs?“ „Wir gehen ins neue Jahr 1943 mit dem Gesang unserer tschechischen Hymne ´Wo ist meine Heimat´.“ Einer nach dem anderen ergreift mich. Ergreift seine Stimme. Hastig, voller Zuversicht aber auch so verzerrt, dass die Gedanken auf Papier nie ein Ende zu nehmen scheinen. Die Juden, deren Stimmen nie wieder gehört werden, fangen die Angst und verzweifelte Hoffnung in Terezin ein. Ihre Worte spiegeln die Sehnsucht nach Heimat inmitten von Schrecken und Hunger wider.
Der Tag, der mich zerbrach, kam. Langsam und still. Nicht die Aufseher oder Nationalsozialisten spalteten mich, sondern eine schweigende Stille. Zuerst Petr dann Franta und Egon. „Es sind Transporte in den Osten“, schreiben sie. 1944 steht als letzte Zahl in den Ecken aller Blätter. Hände, die mich mit voller Entschlossenheit hielten, hörten nach und nach auf, nach mir zu greifen. Ich lag auf einer kalten Holzpritsche neben der Sammlung für die letzte Vedem-Ausgabe. Ich wartete. Ich wartete darauf, bis mich Franta aufhebt, um sein nächstes Gedicht zu schreiben, Petr für seinen nächsten Artikel oder Egon für einen letzten Tagebucheintrag. Aber das Licht ging nicht mehr an. Die Pritsche blieb kalt und meine Farbe trocknete langsam aus. Die einzigen Geräusche waren leise Stimmen der Aufseher und das Peitschen und Toben des Windes durch die zerbrochenen Fenster. Die Dunkelheit hat sie mitgenommen und ich bin zurückgeblieben, als einziger Wächter ihrer Worte.
Es sind die Namen der Wehrlosesten deren Ende von Anfang an geschrieben war. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Junge oder ein Mädchen, die ihre Träume träumten, ihre Hoffnung hegten und ihre Kinderlieben erlebten. All das wurde zusammen mit ihnen umgebracht. Von 10.500 jüdischen Kindern in Theresienstadt wurden mindestens 7.900 umgebracht.
Von Berit Karl.

