19. Juni 2026

Fußball-WM ist Ausdruck weltweiter Migration

Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist bei der aktuellen Weltmeisterschaft (WM) so „international“ aufgestellt wie nie zuvor: Von den 26 nominierten Nationalspielern haben 14 und damit 54 Prozent einen Migrationshintergrund, wie eine Recherche des „Mediendienst Integration“ zeigt. Dieser Migranten-Anteil ist damit deutlich höher als in der Bevölkerung Deutschlands, dort hatten 2025 31,1 Prozent der deutschen Menschen einen Migrationshintergrund. Bei der letzten WM 2022 hatten 42,3, bei der letzten Europameisterschaft 2024 34,6 Prozent der deutschen Spieler einen Migrationshintergrund. Bei der WM 2014, als Deutschland Weltmeister wurde, betrug der Anteil nur 26,1 Prozent.

Doppelte Staatsbürgerschaften prägen den internationalen Fußball

Internationale Zahlen zeigen, dass diese ethnische Diversität für weite Teils des internationalen Profifußballs gilt. Nach Zahlen, die das Centre on Migration, Policy and Society (COMPAS) der Universität Oxford erhoben hat, ist fast ein Viertel aller für die WM nominierten Spieler (rund 300 von 1.248 Akteuren) in einem anderen Land geboren als dem, welches sie auf dem Platz vertreten. So besitzen mehr als die Hälfte der Spieler der US-amerikanischen Nationalmannschaft eine doppelte Staatsbürgerschaft. Auch bei Frankreich und der Schweiz ist der Anteil seit Jahren bei über 50 Prozent. Besonders hohe Migrationsanteile haben Marokko (73 Prozent), Kongo (85 Prozent) sowie Curaçao (96 Prozent).

Multinationales Katar

Eine besondere Rolle spielt die Mannschaft von Katar, in der 11 verschiedene Nationalitäten vertreten sind. In der Sportsoziologie spricht man hier von einer „multinationalen Auswahl“. Hintergrund ist die staatliche Ausbildungsakademie in Doha. Über Jahre hat sie gezielt junge Talente – vor allem aus afrikanischen Ländern und dem arabischen Raum – gesichtet, nach Katar geholt, sportlich ausgebildet und schrittweise eingebürgert. Anders als in Europa erlangen diese Spieler im Alltag jedoch oft nur einen Sportler-Pass („Mission Passport“) und keine vollwertige, dauerhafte Staatsbürgerschaft.

Der Großraum Paris mit seinen Vorstädten („banlieues“) stellt das größte Reservoir an Fußballtalenten dar, aus dem viele Fußballnationen und internationale Vereine schöpfen. Foto: Michael Seifert.

Frankreich bildet für die Welt aus

Den umgekehrten Weg – Ausbildung im eigenen Land und Einsatz der Spieler für andere Nationalmannschaften – beschreitet am erfolgreichsten Frankreich: So sind für die WM 2026 99 Spieler gemeldet, die in Frankreich geboren wurden und die französische Staatsbürgerschaft besitzen. Drei Viertel von ihnen spielen für Länder, die früher einmal französische Kolonien oder Protektorate waren: Algerien, Marokko, Tunesien. Senegal, die Elfenbeinküste, Kongo, aber auch für andere Länder wie Haiti. In diesem Ranking kommen nach Frankreich die Niederlande mit 67, Deutschland mit 50 und England mit 49 Spielern, die nicht für das Land ihrer ursprünglichen Staatsbürgerschaft spielen. Diese Zahlen hat die französische Zeitung „Le Parisien“ erhoben. Aufgrund dieser Tendenzen kommt es bei der WM nicht selten vor, dass Brüder für unterschiedliche Nationalmannschaften spielen: so spielen etwa die Brüder Doué für Frankreich und die Elfenbeinküste, die Brüder Williams für Spanien und Ghana.

Soziologische Studien: Globaler Arbeitsmarkt Profifußball

Diese internationalen Verflechtungen sind auch wissenschaftlich erforscht: So zeigen sportsoziologische Studien, dass der internationale Profifußball einen globalisierten Arbeitsmarkt darstellt, in dem Migrationsbewegungen von Spielern vor allem von wirtschaftlichen Ungleichheiten zwischen Fußballmärkten geprägt sind. Talentierte Spieler migrieren häufig aus peripheren Regionen in die finanziell starken europäischen Topligen, wodurch internationale Migrationsnetzwerke und transnationale Karrierewege entstehen. Der niederländische Soziologe Thijs A. Velema resümiert seine eigene Studie von 2025: „Die Ergebnisse zeigen, dass Migration zwar alle Länder des Weltfußballs miteinander verbindet, die größten Migrationsströme jedoch zwischen Ländern stattfinden, die sprachlich, wirtschaftlich und geografisch eng miteinander verbunden sind. Diese Befunde stützen Theorien, die betonen, dass sprachliche und geografische Grenzen die Migration strukturieren.“
Eigentlich sind Weltmeisterschaften in Mannschaftssportarten als Konkurrenz zwischen Nationen konzipiert. Die aufgezeigten Fakten stellen jedoch starke Verbindungslinien gegenläufig zu dieser Konkurrenz her. So können talentierte Spieler, die aufgrund von Migration zwei Staatsbürgerschaften besitzen, auswählen, für welches Land sie international spielen wollen und in Juniorenjahren auch zwischen den Ländern wechseln. Und manchmal auch aufgrund ihres Talents eine neue Staatsbürgerschaft erwerben. Zur sportlichen Konkurrenz zwischen Mannschaften tritt also die Konkurrenz um die besten Spieler hinzu.

Weitere Informationen:
Wie viele Fußball-Nationalspieler haben einen Migrationshintergrund? | Fußball | Diversität | Zahlen und Studien | Mediendienst Integration
Has migration become an ingredient of World Cup success? | COMPAS
WM 2026: Wie Frankreich dank der Pariser Vororte zur Weltmacht im Fußball wurde – Sport – SZ.de

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