Tübingen ist eine der Städte in er Region, die „Sicherer Hafen“ für Menschen mit Fluchterfahrung sein wollen. Wie sieht es in der Realität aus? Und: Was fehlt, damit der Anspruch erfüllt wird? Antworten gaben Geflüchtete und UnterstützerInnen dem Freien Radio Wüste Welle vor dem Tübinger Sudhaus.
Fühlen sich Geflüchtete in Tübingen wirklich willkommen? Das war die erste Frage von Anna Trautwein. Sie moderierte gemeinsam mit Pauline Menghini die Veranstaltung, die live im Radio übertragen wurde. In zwei Stunden sollten Erfahrungen, aber auch Perspektiven eine Rolle spielen – ein Beitrag zum Projekt „Can the City Speak?“. Damit beschäftigt sich das Radio-Team seit zwei Jahren. Die Stadtverwaltung war am Abend nicht vertreten.
Albträume und weder Wohnung noch Job
Die teilweise simultan übersetzten Antworten zeigten: Es gibt noch viel zu tun, bis sich Menschen mit Fluchterfahrung als Teil der Stadtgesellschaft fühlen können. Anita aus Togo hat Angst und Albträume, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ihr die Fluchtgründe nicht geglaubt hat. Auch Alis Antrag hat das BAMF abgelehnt. „Warum sollte man sein Heimatland verlassen?“, fragte der Mann, der vor den Taliban aus Afghanistan floh. Es sei schwierig, eine Wohnung und einen Job zu finden, sagte Bashir, Vater von vier Kindern. Seine vielen Bewerbungen hatten keinen Erfolg.

Willkommenskultur und gute Beratungsstellen
Ans Mikrofon eingeladen waren auch Gäste, „die Flüchtlinge begleiten“, so Menghini. Ruben Malina vom Tübinger Asylzentrum berichtete von der komplizierten Wohnsituation, dem unsicheren Status und der Schwierigkeit, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Diese Misere kennt er aus seinen Beratungsgesprächen. Robin koordiniert beim Asylzentrum die Arbeit der Ehrenamtlichen. Sie sieht ein Dilemma: Einerseits unterstützen Freiwillige Menschen mit Fluchterfahrung. Andererseits könnte es sein, dass professionelle Arbeit auf unbezahltes Engagement verlagert werde. Grundsätzlich wurde Gitta Rosenkranz, Diplom-Sozialarbeiterin und Gemeinderätin der Linken in Tübingen. Hier anzukommen und eine Perspektive zu haben, „braucht eine Willkommenskultur und gute Beratungsstellen“. Diese Stellen müssten „gesichert finanziert“ werden.
Die aktuelle Lage? „Für migrantische Menschen wird es immer härter“, so Malina. Als Beispiel nannte er den Einbürgerungstest mit Fragen wie die nach allen deutschen Bundeskanzlern. Der Mann vom Asylzentrum wünschte sich „mehr politischen Druck“ auf Entscheidungsträger und Asylbehörden, „damit sie ihre Spielräume nutzen“. Lokalpolitikerin Rosenkranz kritisierte, dass in der geplanten Erstaufnahmestelle für rund 750 Geflüchtete keine Küche vorgesehen sei. Sie sei ein wichtiger Ort, an dem Menschen sich treffen und ein Heimatgefühl erleben könnten.
Das Leben in der Stadt mitgestalten
Einen sicheren Ort haben Baraa, Laya und Julie in Tübingen gefunden: den Mädchentreff. Baraa, die seit zwölf Jahren in Tübingen lebt, hat als „Mädchen mit Kopftuch“ schon Einiges erlitten: beschimpft, geschubst und angespuckt zu werden. Das Schlimmste: „Niemand hat etwas gemacht.“ Es würde ihr schon helfen, dass sie in Ruhe gelassen werde, „wenn man mich nicht akzeptieren kann“. Die drei setzen sich im Jugendgemeinderat für die Interessen junger Menschen ein. Darin sehen Laya und Julie eine Chance: mitgestalten zu können. Vom Trio verfasste Texte zum Thema „Schreiben für die Seele“ werden aktuell im Hölderlinturm präsentiert.
Mehr Austausch gegen Rassismus
Alltagsrassismus in der Schule, bei der Arbeit oder in Institutionen trifft hart. Diese Erfahrung hört Malina immer wieder – sei es von migrantischen Pflegekräften oder Handwerkern, die nicht ins Haus gelassen werden. „Rassismus verhindert gute Integration“: Davon ist Rosenkranz überzeugt. Was muss sich ändern? „Die Gesellschaft muss die Bereicherung durch Zuwanderung sehen“, so Rosenkranz. Weitere Lösungsvorschläge reichten von „mehr Übersetzer“ von der Französisch-sprechenden Anita über „(nicht kommerzielle) Orte, um sich mit anderen auszutauschen“, von Laya bis zu „mehr Veranstaltungen wie diese“ von Rosenkranz.
Es kann auch positiv gehen
Eine ermutigende Geschichte hörten die Gäste, bevor sie das westafrikanische Essen genossen. Mohamad, seit knapp zwei Jahren in Deutschland, hat als Schneider einen Vollzeitjob in Pfullingen gefunden und bei der Arbeit auch sprachlich „kein Problem“. Um seine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern, besucht er nach Feierabend einen A2-Kurs.
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