15. Juli 2026

Integration mit Borschtsch: Ein ukrainisch-deutsches Kochbuch

Die Antwort kommt blitzschnell: „Borschtsch natürlich“. Es war Liudmyla Boriaks Lieblingsrezept daheim in Charkiw und es ist es auch noch nach der Flucht, die sie nach Tübingen führte. Die Tradition der ukrainischen roten Gemüsesuppe wurde 2022 von der Unesco zum immateriellen Kulturerbe geadelt wurde – und steht bei Liudmyla und ihren Freundinnen ganz oben auf der Liste. So fand der Borschtsch denn auch den Weg in das ukrainisch-deutsche Kochbuch „Kulinarische Brücken“ das im Tübinger Brückenhaus im Rahmen eines Deutschkurses entstanden ist. Auf Deutsch nachzulesen ist die Zubereitung des „klassischen Borschtsch“ auf Seite 10, auf Seite 11 folgt das ukrainische Original. Illustriert mit einem gut gefüllten Suppenteller.
Helga Pfluger, die gemeinsam mit Cornelia Schade und Babo Holme im Brückenkurs kostenlose Deutschkurse für Ukrainerinnen anbietet, hatte die Idee schon vor Längeren. „Die Sprache von Anleitungen ist so völlig anders als die gesprochene Sprache“, erzählt die ehemalige Lehrerin, die Deutsch, Französisch und Bildende Kunst unterrichtete. Sie fand es deshalb sinnvoll, ihren Schülerinnen im Kurs auch diesen Teil der deutschen Sprache zu vermitteln. Den ehrenamtlichen Deutschlehrerinnen geht es aber um mehr, denn sie wissen aus vielen Gesprächen, was es für die Geflüchteten bedeutet, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. „Was ihnen von der Heimat bleibt, sind ihre persönlichen Erinnerungen, ihre Kultur, die sie geprägt und gebildet hat, ihre Musik, ihre Tänze und Lieder, die Märchen, die Schnitte und Farben ihrer Kleidung, die Düfte und der Geschmack ihrer Speisen“, heißt es in der Einleitung. Die Deutschlehrerinnen haben deshalb ihre Kursteilnehmerinnen immer wieder auch nach dem traditionellen Essen gefragt: „Was isst man bei Euch wann? Wie bereitet man das zu?

Valentina Petrenko und Liudmyla Boriaks. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Nataliia Yermolenko.

Dampfnudeln mit Dill

Die Anleitungen füllen ein Kochbuch mit 45 Seiten. Und weil es auch deutsche Rezepte enthält, zeigt sich, dass die Gerichte gar nicht so weit auseinander liegen. Die ukrainischen „Wareniki“ unterscheiden sich nur durch die Füllung von ihrer schwäbischen Verwandtschaft namens Maultasche. Holodets, eine gestürzte Sülze finden sich ebenso wie die Kohlrouladen Holubtzy und der Kürbisbrei mit Speck. Dampfnudeln mit Knoblauch und Dill kennt die ukrainische Küche, ein paar Seiten weiter folgen deutsche Dampfnudeln ohne Kräuter. Süßes gibt es natürlich auch: Syrniki und Fasnetsküchle. Auch die Lehrerinnen steuerten Rezepte bei: Zwiebelkuchen ohne Hefe beispielsweise oder Apfelstrudel.
Valentina Petrenko mag die mit Quark gefüllten Wareniki ganz besonders gern. Die Ärztin aus Cherson war kürzlich dabei, als eine Gruppe von Ukrainerinnen für das Brunnenfest im Tübinger Wilhelmstift an die 2000 der gefüllten Teigtaschen fabrizierte. Auch sie vermisst die Küche ihrer Heimat und freut sich deshalb riesig, wenn deutsche Bekannte sie bitten, für Feste oder Treffen etwas für sie zu kochen.

„Spätzle“ schmecken auch

In der Küche des Brückenhauses hat das Kochbuch-Team gerührt, gebraten, gedünstet und gekocht. Sie haben zusammen gelacht und sich gefreut, wenn die Rezepte gelungen sind. Die Freude war auf beiden Seiten: „Es ist ein Glück, diesen Menschen zu begegnen“, heißt es im Kochbuch. Längst mag Liudmyla auch „Spätzle“, sagt sie und lacht. Dünne Nudeln gebe es auch in der Ukraine ergänzt Valentina. Liudmyla, die in ihrem früheren Leben Dozentin für anorganische Chemie an der Uni in Charkiw war, würde gerne mehr deutsche Rezepte ausprobieren. Aber die kleine Küche, die sie sich mit einer anderen Frau teilt, hat nicht genug Platz für große Koch- und Essgelage.
Vom gemeinsam Kochen bis zum fertigen Buch war es ein weiter Weg. Viele haben mitgeholfen, bis aus der Idee ein alltagstaugliches Kochbuch mit praktischer Spiralbindung geworden ist. Herausgeber ist das Brückenhaus Tübingen, der Stadtteiltreff am Neckarstauwehr, der vom Tübinger Verein für Sozialtherapie bei Kindern und Jugendlichen e.V. (kit Jugendhilfe) getragen wird. Eine Finanzspritze gab es vom Sozialministerium in Stuttgart. Victoria Konrad steuerte die Zeichnungen zu den einzelnen Kapiteln bei, Lise Holm die grafische Gestaltung der Titelseite. Es wurde Korrektur gelesen und hin und her übersetzt. Beim Zusammenstellen des Rezeptbuches haben die Ukrainerinnen zudem jede Menge Wörter gelernt. Reibe, Sieb oder Schneidebrett zum Beispiel. Die vorletzte Seite ist deshalb praktischerweise ein Bildwörterbuch. Es gibt außerdem eine Seite mit Grammatik (Ich mixe, ich habe gemixt, ich mixte) und eine andere mit Adjektiven aus der Küchenwelt.
Kaufen kann man das Kochbuch gegen eine Spende im Brückenhaus. Von der ersten und zweiten Auflage gibt es nicht mehr viele Exemplare. Wenn die Finanzierung geklärt ist, kommt die dritte auf den Markt.

Weitere Informationen:
https://www.kit-jugendhilfe.de/angebote/brueckenhaus
https://www.brueckenhaus-tuebingen.de/

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