Die USA und Israel starteten am 28. Februar 2026 ihre Luftangriffe auf den Iran. Sie richteten sich nicht nur gegen militärische und strategische Ziele. Auch der Oberste Führer Ali Chamenei und weitere Mitglieder des Regimes wurden getötet. Noch am selben Tag reagierte der Iran. Er schoss Raketen und Drohnen auf Israel und Militärbasen der USA in Golfstaaten. Wie geht es der Bevölkerung im Iran und welche Erwartungen hat sie? IranerInnen aus dem Südwesten Deutschlands sprachen darüber mit Menschen in ihrem Herkunftsland. Zu ihrem Schutz sind ihre Namen in diesem Artikel anonymisiert. Zumal im Iran nach einem aktuellen Gesetzentwurf Interviews mit als feindlich eingestuften Medien verboten und bestraft werden sollen.
Die Situation ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn ist nur mit der Vorgeschichte zu verstehen. Auf die Proteste im Januar 2026 hatte das Mullah-Regime mit Verfolgung, extremer Gewalt, gezielten Tötungen sogar in Krankenhäusern und Hinrichtung von Oppositionellen reagiert (siehe ersten Link unten).
Familien versuchen, an allem zu sparen
Alle GesprächspartnerInnen berichten von einer sehr bedrückten Stimmung ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn. „Die Menschen haben gleichzeitig Angst vor dem Krieg, vor der Regierung, vor wirtschaftlichen Problemen und um ihre eigene Zukunft“, sagt T. Besonders weil der Ausgang des Kriegs und dessen Folgen völlig ungewiss sind. Sanktionen und Seeblockaden hätten zusammen mit der politischen und militärischen Lage zu einer massiven Inflation geführt, berichtet R. Die Menschen versuchen, überall zu sparen. Teure Mieten und hohe Preise treffen auch den Mittelstand. „Die Familien essen weniger“, sagt S., sie verzichteten zum Beispiel auf Fleisch, Obst und auf neue Kleidung. Manche versuchten, so R., wegen der Kosten Arztbesuche zu vermeiden. In einzelnen Fällen wurde ihm berichtet, „werden medizinische Behandlungen inzwischen in Raten bezahlt“. Vielen Jüngere, die via Instagram Geschäfte führen oder Dienstleistungen anbieten, sei durch die vollständige Abschaltung des Internets lang die Lebensgrundlage entzogen worden.
Regimenahe Personen profitieren
„Alles ist schlimmer geworden“, sagt S. Wohlstand und ökonomische Möglichkeiten im Land sind ungleich verteilt. „Besonders die wirtschaftliche Macht der Revolutionsgarden und der mit ihnen verbundenen Unternehmen hat Strukturen geschaffen, von denen vor allem regimenahe Personen und Netzwerke profitieren“, sagt R. Hinzu kämen landesweit Arbeitslosigkeit, Korruption und die Ungewissheit. In seiner Heimatregion Nordwesten seien ihm seit Februar keine zivilen Todesopfer durch Bombardierungen bekannt. Luftangriffe dort richteten sich gegen militärische Einrichtungen und Sicherheitszentren des Regimes.
Menschen aus dem Süden flüchten vor Bomben
Die Menschen in der Region Teheran dagegen haben zahlreiche Bombenangriffe erlitten. Viele Menschen, so S., flüchteten aus der Hauptstadt und dem Süden. Ein Verwandter von S. wurde durch die Druckwelle so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus kam. Fast 25.000 Menschen sollen allein bis April nach nicht überprüfbaren Angaben des iranischen Gesundheitsministeriums verletzt worden sein. Die Uno berichtete bis 10. April von mehr als 2400 durch den Krieg getöteten Zivilisten. Neuere seriöse Zahlen gibt es nicht.
Das Regime mobilisiert seine Gefolgsleute
Die Meinungen zum Krieg sind sehr unterschiedlich. Das berichten alle GesprächspartnerInnen. Es liegt auch an den Möglichkeiten, sich zu informieren. Als das Internet abgeschaltet war, drangen unabhängige Informationen weder nach außen noch ins Land. Dagegen, so R., sei die staatliche Darstellung der Ereignisse rund um die Uhr im Fernsehen, im Radio und im öffentlichen Raum präsent gewesen. Dort sind massenhaft nur UnterstützerInnen des Regimes zu sehen. „Bei den über Monate organisierten staatlichen Kundgebungen wurden sie auf die Straße gebracht“, so R., „um ihre Loyalität zur Führung zu zeigen.“
Hoffnung auf starken Akteur von außen
Andere Teile der Bevölkerung unterstützten den Krieg, weil sie, so R., „kaum noch eine Möglichkeit für einen Wandel aus eigener Kraft sehen“. Manche hofften, dass ein starker äußerer Akteur wie die USA oder Israel das Regime beseitigen oder zumindest entscheidend schwächen könnte. In sozialen Medien kursierte der Hinweis, das Deutschland und Japan nach der nahezu vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut worden seien, wie R. recherchiert hat.
Aus Unsicherheit Rückzug ins Private
Einer dritten Gruppe, R. nennt sie „Grauzone“, gehe es vorrangig um das eigene Überleben. Die Unsicherheit, was nach dem Krieg kommen könnte, nutzt das Regime aus. „Mit nationalistischer Rhetorik und der Erzählung ,Iran gegen den äußeren Feind´ versucht es, Menschen aus dieser Grauzone wieder stärker an sich zu binden.“
Die Mullahs sind mächtiger als vor dem Krieg
Nach den Protesten Anfang Januar hat sich, so politische Beobachter weltweit, die Macht des Mullah-Regimes, aber besonders der Revolutionsgarden, deutlich verstärkt. Von Freiheit für das iranische Volk ist international schon lange nicht mehr die Rede. US-Präsident Donald Trump habe keines seiner Kriegsziele erreicht, schreibt das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in einem Kommentar: „Die Islamisten sind weiter an der Macht, sie verfügen nach wie vor über die Fähigkeit, Atomwaffen zu bauen, und sie wissen jetzt, wie sehr sie die Weltwirtschaft durch die Schließung der Straße von Hormus schädigen können.“ Am 2. März erklärte das Regime die 35 Kilometer lange Wasserstraße zwischen dem Iran und dem Golf von Oman erstmals für gesperrt. Die Weltwirtschaft leidet nicht nur unter dem immens gestiegenen Ölpreis. Der Iran und der Oman planen, eine Maut für die Passage der Meerenge zu kassieren.
Die Repression verhindert Massenproteste
Auch die GesprächspartnerInnen von tuenews beurteilen die Lage deutlich schlechter als in den vergangenen Jahren. Als einen Grund nennen sie die massive Repression des Regimes – bis hin zu Todesurteilen für Oppositionelle. „Wer heute über Freiheit oder Protest spricht, kann sehr schnell beschuldigt werden, für die USA und Israel zu spionieren“, nennt R. ein Beispiel. Wenn „das Messer bis auf die Knochen reicht“, so eine von R. zitierte persische Redewendung, wenn also die (wirtschaftliche) Lage noch unerträglicher werde, könnten die Menschen trotz der Gefahr aber wieder auf die Straße gehen – so eine vorsichtige Einschätzung aus dem Iran.
Keine Hoffnung mehr in Trump und Pahlavi
„Viele, die für Trumps Krieg waren“, sagt S., „bereuen es sehr und sind jetzt dagegen.“ Manche Kreise der Bevölkerung haben nach ihrer Beobachtung den in den USA lebenden Schah-Sohn Reza Pahlavi als Hoffnungsträger gesehen. R. erklärt das mit einer gewissen Nostalgie. Doch von Pahlavi ist aktuell nichts zu hören. R. sieht ein Problem: „Er und sein Umfeld innerhalb des Iran verfügen nicht über die Strukturen und Mittel, mit denen sie einen derart gewaltbereiten Sicherheitsapparat wirksam herausfordern können.“ Andere mögliche Hoffnungsträger sind nicht bekannt.
Traum von Sicherheit und Demokratie lebt
Ein Grund für die scheinbar aussichtslose Lage ist die Taktik des Regimes. Es habe über Jahrzehnte die Opposition geschwächt und gespalten. „Bis heute“, folgert R. aus seinen Gesprächen mit IranerInnen, „ist es deshalb nicht gelungen, eine gemeinsame und handlungsfähige Front zu bilden.“ Die Zukunft ist nicht vorherzusagen. Nur so viel steht für R. und die anderen GesprächspartnerInnen fest: Die Bevölkerung wolle wirtschaftlich sicher leben, in Frieden mit anderen Gesellschaften, sowie politische und persönliche Freiheiten in einem demokratischen System haben. Trotz aller Schwierigkeiten und der Ohnmacht gegenüber dem Regime, so T., gingen die Menschen arbeiten, kümmerten sie sich um ihre Familien und versuchten, normal zu leben – sogar, so S., „ihre gute Laune zu behalten“. Sie nennt das „die Moral der Iraner“. Aktuell ist Frieden und Freiheit für IranerInnen nicht erreichbar. „Im Moment stehen die Menschen am Rand eines Konflikts“, sagt R., „über dessen Verlauf sie selbst kaum bestimmen können.“
Menschen erwarten mehr Unterstützung von außen
Von außen fühlen sich die meisten Menschen im Iran wenig wahrgenommen und noch weniger unterstützt. Europa zum Beispiel übe bei Menschenrechtsverletzungen viel zu geringen Druck auf die iranische Regierung aus. Diese Meinung ist im Land weit verbreitet. Zwar haben die Europäische Union und 26 weitere Länder gemeinsam am 12. August die Hinrichtung von Demonstranten verurteilt. Doch eine Erklärung allein reiche nicht aus, um die Macht der Mullahs zu beenden, so die von T. zusammengefasste Kritik aus dem Iran.
Siehe zur Vorgeschichte:
tun26012601
Quellen:
Recherchen von R. S. und T. im Iran
Internationale Medien
Dickes Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zum Iran:
https://www.bpb.de/themen/naher-mittlerer-osten/iran/
tun26080505

