13. Mai 2026

„Vielfalt macht auch die Welt in den Firmen bunter“

„Integration gelingt nur von zwei Seiten“: Das sagte Tübingens Landrat Hendrik Bednarz bei der Eröffnung der dritten Job- und Ausbildungs-Messe am 12. Mai im Landratsamt. Die eine Seite bestand aus mehreren hundert Geflüchteten, die arbeiten wollen. Die andere aus über 40 Institutionen und Betrieben unterschiedlicher Branchen, die Arbeits- oder Ausbildungsplätze anboten. Bei den Gesprächen an den Ständen zeigte sich immer wieder, wie wichtig gute Sprachkenntnisse sind.
Raphael Eduah lernt bei den Stadtwerken Tübingen – im zweiten von 3,5 Lehrjahren als Elektriker für Energie und Gebäudetechnik. Obwohl er schon gut Deutsch spricht, arbeitet er nach dem Feierabend und der Berufsschule weiter an der Sprache. Eine große Herausforderung waren anfangs die Fachwörter. Seine Kollegen haben ihn dabei unterstützt. Die Lehrstelle fand Eduah auf eigene Initiative: Er entdeckte eine Anzeige im Internet. Seine Bewerbung war erfolgreich.

Die Maurerlehre dauert drei Jahre

Direkter als über die Internet-Suche ging es drei Stunden lang im Landratsamt. Elke Fahrner vom Jobcenter in Tübingen empfahl den BesucherInnen, sich beim Wunschbetrieb vorzustellen und ein Bewerbungsschreiben abzugeben. Thomas Knupfer, staatlich geprüfter Polier und Geschäftsführer von K+L-Bau in Dußlingen mit 30 Beschäftigten, hatte schon vor dem Ende der Messe Lebensläufe von zwei Interessenten an der dreijährigen Ausbildung bekommen. Als Ausbildungsleiter ist ihm wichtig, dass Lehrlinge das Niveau B2 mitbringen, damit sie es vor allem in der Berufsschule nicht so schwer haben. Auch Frank Hoffmann, geprüfter Maurer-Polier und Ausbilder bei der Bau-Firma Jentz in Reutlingen mit 75 Beschäftigten aus vielen Ländern, führte Gespräche mit mehreren Interessenten. Wer Maurer werden möchte, kann sich auch mit B1-Niveau bewerben. „Die Fachwörter kommen nach und nach“, sagte Hoffmann im zugigen Bereich vor dem Landratsamt.
Im Gebäude präsentierten sich die unterschiedlichsten Unternehmen: von der Gastronomie bis zur Deutschen Bahn, vom Landschaftsbau bis zur UDO GmbH. Sie sorgt mit rund 800 Beschäftigten als Dienstleister des Uniklinikums Tübingen für Catering, Gebäudereinigung oder Logistik. So vielfältig wie die Anbieter wünschte sich Vanessa Appeltauer von der Bundesagentur für Arbeit Balingen-Reutlingen auch die Arbeitswelt. „Menschen bringen viele Erfahrungen mit“, sagte die Geschäftsführerin Operativ, „das macht auch in der Firma die Welt bunter.“

tuenews INTERNATIONAL bot auf der Jobmesse einen speziellen Service für Betriebe an: Sie konnten sich im Video-Interview vorstellen. Foto: tuenews INTERNATIONAL / Brigitte Gisel.

Andrang bei Bewerbungsfotos und Pflege-Anbietern

Besonders gefragt waren wieder die kostenlosen Bewerbungsfotos. Vor dem Raum neben der Kantine, in dem Fotograf Frank Pieth saß, bildeten sich lange Warteschlangen. Großes Interesse gab es sowohl bei McDonald’s als auch an den Ständen von Anbietern rund um die Pflege. Die Ukrainerin Nataliia würde gern eine Ausbildung machen. Doch ihr B1-Abschluss reicht dafür nicht. Sowohl das Uniklinikum als auch die BG Unfallklinik setzen ein B2-Niveau voraus. Youssef Ouhassane aus Marokko dagegen hat es geschafft. Er fand seine Ausbildungsstelle bei den Johannitern nach einer sechsmonatigen Ausbildung in Marokko über eine Anzeige. Dort begann er 2025 mit der dreijährigen Ausbildung.
Eine Alternative bietet zum Beispiel die Kolping Berufsfachschule für Pflege und Altenpflegehilfe in Rottenburg. Bei der zweijährigen Ausbildung für Altenpflegehilfe wird mindestens A2 vorausgesetzt. Intensive Deutschförderung gehört zum Lehrplan. Nach erfolgreichem Abschluss können Interessenten weitere Qualifizierungen bis zum Studium anschließen. Auch der Verein InFö in Tübingen bietet speziell für MigrantInnen das Projekt „Fit für Pflegeberrufe“ an. Sie werden während der Ausbildung und bei der Suche nach Arbeit nachhaltig unterstützt. In Einzelgesprächen berieten MitarbeiterInnen von InFö außerdem zu Bewerbungen und Lebensläufen.

Von sechs Auszubildenden sind vier Geflüchtete

Die Tübinger Firma Rökona hat bereits Erfahrungen mit der Integration Geflüchteter. Das Unternehmen produziert Textilien von T-Shirts für die Post bis zu Auto-Bezügen, veredelt Stoffe wie zum Beispiel Lederimitat, damit es nicht vergilbt, und produziert medizintechnisches Zubehör. Gianni LaForza leitet die technische Ausbildung. Von den sechs Lehrlingen in seinem Bereich sind vier Geflüchtete wie Mansour aus Afghanistan. Der Ausbilder und der Auszubildende waren gefragte Gesprächspartner.
Die zahlreichen BesucherInnen der Messe widersprachen dem Bild, das oft von ihnen gezeichnet wird: „Sie wollen arbeiten und in der Gesellschaft ankommen.“ Das sagte Sven Jäger, Leiter der Abteilung Flucht und Migration im Tübinger Landratsamt. Er wünschte sich zum Auftakt, dass die Messe „eine Win-Win-Situation“ für Ausbildungsbetriebe wie Arbeitssuchende werde. Kurz vor Ende der Veranstaltung freute er sich über den „tollen Zuspruch“ von mehreren hundert BesucherInnen und die Angebote – trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage – der mehr als 40 Firmen und Institutionen aus Tübingen und Umgebung.

Landrat kritisiert Streichung bei Integrationskursen

Es gibt aber auch Schattenseiten, von denen Tübingens Landrat sprach. Beispielsweise die gestrichenen Mittel für freiwillige Integrationskurse. Auch Hendrik Bednarz hatte in einem Brief an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gefordert, diese Entscheidung zurückzunehmen (siehe die Meldung tun26022407). „Wir brauchen diese Kurse“, sagte der Landrat in seiner Begrüßungsrede. Bisher haben die Briefschreiber aber keine Antwort aus Berlin bekommen.

Weitere Informationen:
Eingeladen und die Messe organisiert hatten Tinatin Khidesheli und das Team von der Fachstelle Arbeitsmarktintegration im Landratsamt Tübingen.
Kooperationspartner des Landratsamts waren die Bundesagentur für Arbeit, das Jobcenter und die Stadt Tübingen.
Dolmetscher unterstützten diejenigen, die noch nicht so gut Deutsch sprechen, in verschiedenen Sprachen.
tuenews INTERNATIONAL bot einen speziellen Service für Betriebe an: Sie konnten sich im Video-Interview vorstellen.

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