tuenews INTERNATIONAL-Mitarbeiter Youssef Kanjou, syrischer Archäologe und ehemaliger Direktor des archäologischen Nationalmuseums in Aleppo, ist im Mai 2026 erneut nach Syrien gereist, um Gespräche über geplante archäologische Projekte zu führen. Dieser Aufenthalt wurde für ihn dann zu etwas ganz Besonderem, denn Studierende und Professoren aus dem Fach Archäologie der Universität Aleppo baten ihn, eine Vorlesung über die 25 internationalen Ausgrabungsprojekte in der Region Aleppo zwischen 2000 und 2010 zu halten. Diese Kampagnen betreute er als Grabungsleiter in seiner Funktion als Museumsdirektor, bis der Krieg in Syrien all diesen Aktivitäten ein Ende bereitete.
Erste Vorlesung nach 14 Jahren
Weder die Studierenden noch die sehr jungen Professoren, meist um die 30 Jahre alt, wussten Genaueres über die Ergebnisse dieser Grabungen, denn alle Publikationen darüber sind inzwischen meist auf Englisch und jedenfalls nicht in Arabisch erschienen. 14 Jahre sind seit Youssef Kanjous letzter Vorlesung vergangen – von 2003 bis 2012 hatte der heute 54-Jährige regelmäßig als Museumsdirektor an der Universität Archäologie unterrichtet. An seine letzte Vorlesung kann er sich noch gut erinnern: „Als ich gerade etwas an die Tafel schrieb, hörte ich plötzlich Schüsse vor dem Gebäude der Fakultät. Erstaunt hielt ich inne und blickte zu den Studierenden. Doch sie lächelten nur und sagten: ‚Herr Doktor, das ist ganz normal. Das passiert jeden Tag. Machen Sie einfach weiter.‘ Die Schüsse stammten von den Truppen des Assad-Regimes, die wahllos auf den Straßen und sogar auf dem Universitätsgelände feuerten. Nach diesem Tag kehrte ich nie wieder an die Universität zurück, um zu unterrichten.“
Großes Interesse am kulturellen Erbe
Das Interesse an Youssefs Vorlesung im Mai 2026, die mit Diskussion und Fragerunde über drei Stunden dauerte, war riesengroß: Mehr als 100 Personen, Studierende, darunter auch viele Frauen, und Professoren sowie Interessierte aus der Bevölkerung strömten in den zu kleinen Raum. Mehr als zwei Tage – und Teile der Nächte – hatte sich Youssef konzentriert auf die Vorlesung vorbereitet und dabei auf alte Notizen zurückgegriffen: „Denn in der Zwischenzeit seit meinen letzten Vorlesungen über die damaligen Ausgrabungen habe ich mich mit ganz anderen Dingen beschäftigt: der Bestandsaufnahme des kulturellen Erbes Syriens in Zeiten eines erbarmungslosen Kriegszustandes sowie den für die Bewahrung nötigen Schutzmaßnahmen“, erläutert Kanjou.
Wie Youssef Kanjou in seiner Vorlesung ausführte, gibt es seit mehr als 100 Jahren archäologische Ausgrabungen in der Provinz Aleppo. Im Zeitraum von 2000 bis 2010 waren jedes Jahr etwa 25 Projekte aus 12 Ländern aktiv, darunter drei aus Deutschland. Sie deckten alle archäologischen Epochen ab – von der Vorgeschichte bis zur islamischen Zeit. Gleichzeitig wurden dabei Studierende und Museumsmitarbeiter aus Syrien und dem Ausland ausgebildet und zu Hochschul- und Fachabschlüssen geführt.
Vorlesung wandert durch die sozialen Medien
Youssefs Vorlesung ist vielfach im Internet nachzuhören: „Viele aus dem Publikum haben auf Handys Videos aufgenommen – auch von meiner Präsentation – und diese dann in sozialen Netzwerken gepostet.“
Ein Student ist Youssef Kanjou besonders in Erinnerung, der ihn nach der Vorlesung auf Deutsch angesprochen hat. Er stammt aus Idlib und ist mit seiner Familie nach Deutschland geflohen, wo er auch aufgewachsen ist. Deutsch spricht er besser als Arabisch, aber er möchte unbedingt syrischer Archäologe werden. Über WhatsApp ist Kanjou weiter in Kontakt mit ihm.
Nach der Veranstaltung gab es noch eine Nachbesprechung mit den Professoren, die als Studierende an den früheren Vorlesungen teilgenommen hatten und dann im Iran, in Ägypten und auch in Aleppo ihre Promotionsarbeiten mit eher theoretischen Themen verfasst hatten, „denn aktuelle Ausgrabungen gab es ja während des Krieges nicht mehr“, so Kanjou. Sie waren daher sehr zufrieden und überrascht über die vorgetragenen Forschungsergebnisse und sahen darin eine hohe Motivation für die anwesenden Studierenden. Diese sind in ihrem ersten Studienjahr, zu dem 150 Studierende zugelassen wurden. Diese hohe Zahl zeigt, welches hohe Ansehen die Archäologie auch jetzt nach dem Ende der Diktatur in Syrien genießt.
Die Situation der syrischen Universitäten ist angespannt
Im Gespräch mit tuenews INTERNATIONAL äußert sich Youssef Kanjou auch zur aktuellen Situation der syrischen Universitäten. Ihre Lage sei nicht gut, „da sie 15 Jahre lang unter Krieg, Vernachlässigung, mangelnder finanzieller Unterstützung und der Abwanderung von Lehrkräften gelitten haben. Die Leidtragenden waren und sind nach wie vor die Studierenden. Aber es gibt derzeit an jeder Universität eine große Zahl von Studierenden, die voller Tatendrang sind, und auch einige Lehrkräfte sind zurückgekehrt.“ Trotz eines großen Bedarfs an moderner technischer Ausstattung, arbeiteten die Universitäten derzeit normal und versuchten, ein angemessenes Niveau zu erreichen, das dem der Nachbarländer entsprechen solle. Youssef berichtet, dass die neue Regierung in den letzten Tagen die Gehälter der Dozenten an den Universitäten auf 1.000 Dollar pro Monat angehoben habe, um das Bildungsniveau zu verbessern. Gleichzeitig habe er die Hoffnung, dass zusätzliche finanzielle und wissenschaftliche Unterstützung von europäischen Universitäten sowie von syrischen Fachkräften im Exil komme.
Hoffnung auf ausländische Unterstützung und Tourismus
Hoffnung macht auch die Zunahme des Tourismus in Syrien, die Youssef Kanjou festgestellt hat: „Die erste und größte Gruppe sind Syrer, die während des Krieges ausgewandert sind und sich nun zu touristischen und familiären Zwecken hier aufhalten. Die zweite Gruppe sind ausländische Touristen.“ Diese lassen sich an touristischen Orten wie der Burg von Aleppo, der Altstadt von Damaskus – insbesondere der Umayyaden-Moschee – und der antiken Stadt Palmyra beobachten. Auch gebe es auffällige Tourismusanzeigen in den sozialen Medien. „Vor dem Krieg war Syrien ein wichtiges Reiseziel, und eine große Zahl von Menschen war in dieser Branche tätig. Derzeit versuchen sie, zu ihrer früheren Arbeit zurückzukehren und vom großen Interesse an Syrien zu profitieren“ meint Youssef.
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